Muttermorphose III · Jolante · Kurzgeschichten

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     Jolante



Muttermorphose III

   28.06.2006, 17:55 / 18 x geändert



I

Als ich begann, nach den Dingen zu greifen,
nahmst du sie mir aus der Hand.
Als ich begann, die Dinge zu begreifen,
schlugst du sie mir aus dem Kopf.
Als meine Hände leer waren
und mein Kopf hohl,
griffen die Dinge mich an.

II

Das Aroma von frisch aufgebrühtem Kaffee erfüllte das Zimmer, der Apfelkuchen duftete köstlich, die Kerze brannte. Wie an so vielen Geburtstagen, die ich schon abgefeiert hatte, saßen wir auch an meinem Vierzigsten wieder im engsten Kreis zusammen: Mutter, Schwester, Ehemann und Sohn. Vor dem Fenster wirbelten die Schneeflocken, im Zimmer war es warm und gemütlich..., ein Idyll ! - War es das wirklich ? - Mutter erzählte mal wieder die Geschichte, die sie an allen meinen Geburtstagen auftischte. Ihre vorwurfsvoll klagende Stimme erfüllte den Raum und ließ mich frösteln. Sie beschrieb die eisige Kälte, die im Januar 1944 herrschte. Kurz vor meiner Niederkunft habe sie einen schweren Nervenzusammenbruch erlitten, sei im Nachthemd bei Minustemperaturen durch die Straßen geirrt, bevor man sie aufgriff und mit hohem Fieber ins Krankenhaus brachte. - Mutter schwieg einen Augenblick, sie sah müde aus. Mein Sohn stopfte sich mit Kuchen voll, mein Mann rührte ungerührt in seiner Kaffeetasse, meine Schwester setzte eine gerührte Miene auf. - Mutter aber ließ den Kuchen auf ihrem Teller unberührt und erzählte weiter: Sie habe die Jahre zuvor schon so viel mitgemacht, 1939 ein Kind verloren, meinen Bruder, der nur ein halbes Jahr alt wurde. Mein Vater im Krieg, meine ältere Schwester ständig krank, Ohrenoperation, als Folge davon Gesichtslähmung. Was habe sie alles erdulden müssen, und dann wieder schwanger, mit mir, wie sollte das gehen ? Sie habe während meiner Geburt in Lebensgefahr geschwebt, mich gar nicht richtig wahrnehmen können. "Sie haben dich mir weggenommen", sagte sie klagend, meine Patin habe mich schnell taufen lassen, ich sei ja eine Frühgeburt gewesen und ganz schwach. Auf den Muttergottes-Altar hätte meine Patin mich gelegt, habe sie ihr später gesagt. Aus dem Krankenhaus entlassen sei sie fast jede Nacht mit meiner Schwester und mir in den Bunker gehastet. Mich hätte sie im Wäschekörbchen getragen. Immer habe sie mich aus dem Schlaf holen müssen, kein Wunder, dass ich ein so nervöses Kind geworden sei. - Meine Mutter schaute mich vorwurfsvoll an: "Mein Gott, was hast du mir für Sorgen gemacht !" Ich schwieg schuldbewusst und dachte an den grässlichen Lebertran, den sie mir als kleines Kind täglich gegen meinen Willen einflößte. Auch an Tropfen gegen Rachitis konnte ich mich erinnern, an klebrigen Haferschleim, faden Mondamin-Brei, an die verhasste Erdnussbutter und an viele lange Tage, die ich krank im Bett verbracht habe, umsorgt von meiner überbesorgten Mutter. Oft machte sie mir Waden- und Brustwickel, schleppte mich von Arzt zu Arzt, steckte mich auch noch im Schulalter bei jedem Schnupfen ins Bett. Widerwillig hörte ich meiner Mutter zu, wie sie mit klagender Stimme erzählte, wieviel Mühe sie mit mir hatte und wie schwer es ihr in der Nachkriegszeit wurde, meine Schwester und mich aufzuziehen. Sie musste in den Odenwald hamstern gehen, sie musste unseretwegen auf so vieles verzichten, ... sie musste, sie musste, sie musste ..- "Iss den Kuchen, Mama", sagte ich, "lass die alte Geschichte ruhen, du hast sie schon so oft erzählt". Mutter schwieg, mein Sohn streichelte ihre Hand. Ich stand auf und legte eine neue Schallplatte auf..

III.

Zehn Jahre später: wieder mein Geburtstag. Ich verbringe ihn mit meinem Mann in einem Hotel in Baden-Baden. Fünfzig Rosen stehen in der Vase auf dem Frühstückstisch. Ich schaue aus dem Fenster hinaus auf die verschneite Straße und denke zurück an meine Kindheit, an meine Mutter. Als größeres Kind war ich oft niedergeschlagen, wenn sie mir zum Kakao ihre traurige Geschichte servierte, später ignorierte ich sie, so gut ich konnte. Ich wäre ihr ja so gerne bei meiner Geburt willkommen gewesen. Auch hätte ich viel lieber meinen Geburtstag im Frühling oder im Sommer gefeiert, draußen im Garten, mit Blumen im Haar, mit vielen lustigen Kindern. Aber im Januar ist es kalt und die Wohnung im Haus meiner Patin war zu eng, um Kinder einzuladen. - Heute begreife ich, warum ich meinen Geburtstag nie mochte. Doch es ist zu spät, um meine Mutter beim Erzählen zu unterbrechen, um ihr eine wichtige Frage zu stellen, die Frage nämlich, ob sie mich trotzdem lieb hatte. - ja, und um ihr zu sagen, dass auch ich sie lieb hatte. Überhaupt habe ich sie viel zu wenig gefragt, ihr viel zu wenig zugehört. Bestimmt hätte ich mehr erfahren, über sie und über mich. Das geht nun nicht mehr, sie ist schon lange tot !

 

     Jolante²



RE: Muttermorphose II (neu)

   05.07.2006, 13:36



An Alle: Ich habe die Kurzgeschichte überarbeitet bzw. umgeschrieben. Vielleicht erweckt sie jetzt eher Euer Interesse. Das würde mich freuen.

lg Jolante

 

     zuppanova



RE: Muttermorphose II (neu)

   09.07.2006, 23:35



servus, Jolante, wie per mail besprochen: ein paar gedanken zur Muttermorphose II - also -

die überarbeitung hat sich auf jeden fall gelohnt. du versuchst eine über viele jahre stattfindende entwicklung auf den punkt zu bringen, die essenz daraus zu gewinnen, und das kommt schon rüber --> "ich selbst" / "meine mutter". gut finde ich, dass du abschnitte (wie strophen ...) bildest: I und II. vielleicht wäre es sinnvoll, sogar eine strophe III anzulegen, nämlich ab "Zehn Jahre später: wieder mein Geburtstag." --- das ist ja auch inhaltlich ein neuer abschnitt, der auch eine neue erkenntnis zur mutterbeziehung bringt. so wäre die gliederung des textes noch klarer, pointierter.

gut finde ich auch, dass du als abschnitt I das gedicht gewählt hast: eine art "appetizer", der schon alles enthält, was im folgenden erzählt wird, aber eben in verdichteter / verfremdeter form.
meine kritik setzt vor allem an der sprachlichen gestaltung des textes an. beispiel: beginn abschnitt II --- du beschreibst die "Idylle". mir aber wird nicht klar, ob diese idylle ironisierend beschrieben sein soll? darauf könnten die klischeehaft wirkenden bausteine hindeuten (Aroma von frisch aufgebrühtem Kaffee usw.), aber es ist für eine ironische beschreibung nicht überspitzt genug. für eine 1:1 beschreibung scheint es (mir) wiederum zu wenig authentisch, zu sehr an vielbenutzten formulierungen orientiert.
ähnlich geht es mir mit dem, was du deine mutter erzählen lässt von ihren sorgen, nöten, der schweren zeit. das kommt mir sehr hölzern, gestelzt vor. HAT deine mutter denn solche sätze gebraucht? hat sie mit solchen worten gejammert? ist das ihre sprache? ich vermute eher nicht. aber WIE hat sie denn gesprochen? womöglich könntest du als übung versuchen, dich ganz genau an den ton, die stimme, die wortwahl deiner mutter zu erinnern und ihre rede dann ganz vogelwild ohne punkt und komma, ohne irgendwelche regeln oder konventionen zu beachten, runterschreiben. was käme dabei heraus? (das wäre so eine lockerungsübung, mess-writing, wie mess-painting ... ) - die frage ist auch, ob es unbedingt wörtliche rede sein muss, ja, vielleicht kannst du da mit dem text noch etwas "rumspielen".

so, das wars erst mal, mit lg --- die zuppa.

 

     Jolante²



RE: Muttermorphose II (neu)

   10.07.2006, 13:49



Grüß dich, zuppa,

und ganz lieben Dank für die Mühe, die du dir mit meinem Text gemacht hast. Ich kann deine konstruktive Kritik in allen Punkten nachvollziehen. Nun werde ich erst einmal in mich hineinhören, um herauszufinden, was ich ändern kann und will. Tatsächlich war das "Idyll" ironisch gemeint, so auch noch einige andere Wendungen, wie z.B. Mann rührte ungerührt in seiner Kaffeetasse, Schwester setzte gerührte Miene auf, etc. - Die Erzählung meiner Mutter stimmt inhaltlich genau, wenn ich sie auch sozusagen in meinen Duktus gebracht habe. Ich wolte das Gebetsmühlenartige damit zum Ausdruck bringen, das ist mir wohl doch nicht gelungen. Nochmal Danke für Kritik und Anregungen, bin jetzt wieder motiviert, weiter zu schreiben.

LG Jolante

 

     Jolante²



RE: Muttermorphose III

   12.07.2006, 12:15



Hallo,
ich habe Zuppa`s Anregungen aufgegriffen und den Text noch einmal ganz überarbeitet. Dabei herausgekommen ist nun die "schlussendliche" Fassung von Muttermorphose III. Mir erscheint der Text jetzt flüssiger und stimmiger. Besser kann ich`s leider nicht

LG Jo

 

     ear



RE: Muttermorphose III

   12.07.2006, 22:22



Hi Jolante, deine traumatischen Erlebnisse geben ein klares Bild der wiederkehrenden "Litanei". Zuppa hat dich bestens beraten, die Ironie kommt gut heraus.
Ob dein Sohn die Moeglichkeit, dir Fragen zu stellen, nutzt?Ob er aus deinen Erfahrungen gelernt hat?Die Erzaehlung hat grosse bildnerische Kraft,ear.

 

     Jolante²



RE: Muttermorphose III

   14.07.2006, 12:25 / 1 x geändert



Liebe ear,

Nein, mein 40ig-jähriger Sohn stellt mir in dieser Hinsicht keine Fragen und mit der Übertragung eigener Erfahrungen auf die Kinder ist das so eine Sache. Ich habe ihm häufig gesagt, wie erwünscht er uns war und wieviel Glück wir ihm verdanken. Er lächelt dann freundlich und findet das ganz normal. So soll es auch sein. Übrigens war meine Mutter ihm eine wundervolle Oma -er hat ganz andere Erinnerungen an sie als ich-, aber sprechen kann ich mit ihm über sie kaum, er schaut nach vorne, nicht zurück (noch !). Merkwürdig ist es auch mit Erinnerungen an seine Kindheit: wir haben nicht die gleichen. So behauptete er kürzlich, er hätte mit vierzehn Jahren die Jeansjacke seines Vaters auftragen müssen, mein Mann und ich haben aber in Erinnerung, dass er gerade diese Jacke immer anziehen wollte (nur ein Beispiel von vielen).

So nun habe ich aber ganz viel geschrieben, wollte garnicht so ausführlich werden. Dein Interesse an meinem Text hat mich dazu ermuntert.

Liebe Grüße nach Ipswich
Jolante

 
        arisia
        (Gast)

RE: Muttermorphose III

   15.07.2006, 13:50



hi, Jolante,

ja, der Text ist wirklich gut geworden und wie ear schon anmerkte kommt die Ironie jetzt gut zur Geltung. Vor allem die Passagen des "Rührens, gerührt Seins ungerührt Seins und unberührt lassens geben der Geschichte einen hintergründigen Humor, der dann weiter durch die ganze Geschichte trägt. Du hast eine Ader für Essay denke ich, wenn zu deiner klaren Sprache noch Witz, Humor und eine gewisse Bissigkeit hinzukommen. :)
Noch was ganz anderes:
Feiere deinen Geburtstag doch im Sommer, oder zumindest in einer angenehmeren Zeit. Die Queen feirert ihren Geburstag auch erst im Juli, weil das Wetter dann meistens besser ist als Ende April, oder Anfang Mai, so genau habe ich das gerade nicht im Kopf.

liebe Grüße
arisia

 

     augustine



RE: Muttermorphose III

   16.07.2006, 18:20



Hallo, Jolante! Nun hast Du viel Resonanz auf Deine Geschichte bekommen, und das ist ja etwas vom wirklich Kostbaren dieses Forums.
Deshalb möchte ich eine andere Überlegung nochmals nennen (nicht in der Meinung etwa, mir gelänge das): das Schreiben hat ja einerseits (hat es für Dich ganz offensichtlich gehabt) kathartische Funktionen. Damit bleibt es im Privaten, von dem es ausgegangen ist. Was wir wohl aber alle versuchen wollen und sollten, ist: zum Allgemeineren zu kommen. In Deinem Fall: Du siehst das ("Muttermorphose", ein gut und prononciert gesetztes Wort); DU HAST ES AUCH IN DEM GEDICHT SCHON IN SPRACHE GESETZT (und deshalb fände ich auch, es sollte an letzter Stelle stehen - oder einfach allein; es IST ja die über das Persönliche hinausgehende Summe).
Denk' nicht, ich redete wie eine Blinde von Farbe. Mutter/Tochter (Herkunft) findest Du ja hier; gefällt mir nicht sonderlich; Mutter/Tochter (Deszendenz) ist mir zu nahe, als dass ich darüber schreiben könnte; Groß-Mutter/Enkel: dass das wieder 'geht', ist geläufig: da hat's nicht so viele Probleme gegeben. Und das (Nicht-)Fragen: es braucht viel Abstand; gar nicht bloß, um die Fragen zu STELLEN, sondern vorher, um sie in sich zu ENTWICKELN.
Sei herzlich gegrüßt. Du bist nicht alleine. a

 

     Jolante²



RE: Muttermorphose III

   26.07.2006, 14:54



arisia: vielen Dank für deinen ermutigenden Kommentar

augustine:
auch dir herzlichen Dank. Ich bezweifle, dass das Schreiben für mich eine ausschließlich kathartische Funktion hat. Ich habe eigentlich erst dann das Bedürfnis zu schreiben, wenn zuvor bereits ein reinigender Prozess stattgefunden und zu einer Sicht der Dinge geführt hat, die ich schreibend "verdichten" muss (Ja, wenn ich es mir genau überlege, ist es ein Muss). Im übrigen hast du recht: Es braucht nicht nur Abstand, um die Fragen zu stellen, sondern auch, um sie in sich zu entwickeln.

LG Jolante

 

Muttermorphose III




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