mich wund.er · gregor libkowsky · bis 16 Zeilen

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     gregor libkowsky



mich wund.er

   25.04.2010, 10:35



ich bin frei
bis zur dämmerung
betet die mutter
früchte wünschte ich mir
vor dem entkorken der nacht

gegen zinnoberrote gespenster
singt sie aus
ihrem haar fällt
mein name

es sieht so aus
als müsstest du das verstehen
nicht so einfach
ohne grund unter den füßen

der mann lacht die frau
sagt das kind lebt
von zwei buchstaben noch

ein argwohner schleicht sich
ins schräge lächeln
bis in die schönleinstrasse
atmet sein finger gelb

 

     zuppanova



mich wund.er

   18.05.2010, 00:20



Lieber Herr Kommandant,

gern schriebe ich eine Runduminterpretation wie in jenem (leider inzwischen "wegen mangelndem Interesse" gelöschten) Beitrag von heinz-heinz vorgeführt ("Der Zivildienstleistende als Poet") - allein, es ist mir nicht möglich, u. a. vielleicht deshalb:

"Nur schwache Gedichte lassen sich erschöpfend interpretieren oder verstehen. Nur in trivialen oder opportunistischen Texten ist die Summe der Signifikanz die ihrer Teile." (George Steiner)

Mir scheint, es gehe hier um bedrängte oder geschändete oder verlorene Kindheit.
Explizit benannt ist die erste familiäre Triade, Vater-Mutter-Kind.

Der Titel ist vielschichtig; ein Subjekt spricht hier: (mich) wund machen ("er" macht das), verwunden, aber auch "Wunder" (das Wunder, überlebt zu haben?), Verwunderung steckt darin.

Das Haarmotiv im zweiten Sinneinheitenpäckchen lässt mich beim Lesen unwillkürlich an Celan denken, in dessen Gedichten das "Haar" immer wieder in verschiedenste Zusammenhänge gestellt vorkommt. Zudem springt mich hier die Farbe an: zinnoberrot - die Gespenster, die Ängste. Die Wunde? Später wird eine andere Farbe noch auftauchen: gelb. Was bedeuten die Farben?

Beim dritten Paket überlege ich, ob es wirklich notwendig ist. Es kommt mir im Vergleich zu den anderen Teilen weniger "dicht" vor, flacher, zu abstrakt und kopfig konstruiert, scheint mir redundant. Ich überlege, ob man es weglassen könnte. Fehlte dann etwas?

Dieses: "der mann lacht die frau / sagt das kind lebt / von zwei buchstaben noch" wiederum empfinde ich als sehr eindringlich, eigentlich als das Zentrum des Textes. Das Kind lebt von zwei Buchstaben noch - das nehme ich als Metapher für existentielle Bedrohung und äußerste Reduktion des Lebensraumes: Buchstaben gehen verloren, im Schwinden der Bezeichnung wird auch "das Bezeichnete" (das Kind / die Kindheit) ausgelöscht, negiert, und zwar - das steigert die Grausigkeit und Erbarmungslosigkeit des Vorgangs - unter dem Lachen des Mannes.

Im fünften Paket finde ich auffällig die Wortkonstruktion "argwohner". Wer ist dieser "argwohner"? Einer, der bedrängt, der zur Auslöschung beiträgt? Oder einer, der "aufdecken" könnte, was geschieht, weil er "von außen" in die scheinheil(ig)e Welt des schrägen Familienlächelns eindringt und mit dem Finger zeigt auf das, was nicht stimmt? Außerdem fällt mir auf, dass hier eine konkrete Ortsangabe gemacht wird: Die Schönleinstraße ist eine Station der U-Bahn-Linie U8 im Berliner Ortsteil Kreuzberg (dankseigoogle!). Und was bedeutet die Farbe gelb?

Du siehst, gregor libkowsky, ich kann's nicht wirklich ausdeuten. Dennoch beschäftigt es mich, ich kreise innerlich immer wieder um diesen auch wegen der Enjambements suggestiven und vielbödigen Text. Gut so.

LG, zuppa

 

     SimonLore



mich wund.er

   16.06.2010, 02:41 / 2 x geändert



Das ist jetzt rein spekulativ, aber vielleicht ist es Zitronengelb und zeigt die schlussendliche Bitternis dieses Lächelns?
Auch frage ich mich: Ist es die Mutter, die gegen die Gespenster ansingt, oder ist es die Nacht?

Ist es die Mutter, die singt, so ist es auch ihr Haar, aus dem der Name des Kindes fällt. Das wäre in meinem Verständnis dann Ausdruck für die naive Liebe des Kindes zu seiner Mutter.

Es nimmt meiner Meinung nach die dritte Strophe Bezug auf die schwere Deutbarkeit des Texts; der Leser wird selbst angesprochen. Tatsächlich: Es sieht so aus, als müsste ich das verstehen. Aber ich kann es nicht. Warum? Mir fehlt der Grund unter den Füßen. Es fehlt mir also eine grundlegende Zutat zum Verständnis.

Auch sehr spannend: Warum macht die Aussage der Mutter, das Kind leide an irgendeinem Mangel, den lachenden Vater argwöhnisch?

Womöglich liegt darin der Schlüssel zum Verständnis...

 

     Jolante



mich wund.er

   18.06.2010, 14:56



Gregor, dein hermetisches Gedicht lässt mir keine Ruhe. Gestalt, Klang und Rhythmus sprechen mich an, aber der Gehalt bleibt mir verschlossen. Meine Deutungsversuche schießen ins Kraut, ich will sie hier nicht ausbreiten, weil ich fürchte, mich unsäglich zu blamieren. Bitte geh auf die Fragen von zuppa ein und schreibe was zu dem "Unsäglichen", das diesen Text (für mich) so bedrohlich macht in seiner Rätselhaftigkeit. Ich bin sehr gespannt.

Es grüßt Jolante

 

     gregor libkowsky²



mich wund.er

   20.06.2010, 11:36



Wie "Unsägliches" in Worte binden jenseits der Fakten und des analytischen Wundschurfes?
Herausgepickt gerade das Gefühl der Bedrohung, des Einbruchs von "Gelb" in eine kindlich-naive Welt, in welcher die Gespenster ihr Zinnoberrot aus den Kinderbüchern in die Träume tragen, um im Schutz der Mutter zu verblassen und zu dem werden, was sie sind - eine Geborgenheitsübung, eine Versicherung des bestehenden Schutzes.
Die Zäsur im dritten Paket (das mit den Paketen gefällt mir - siehe Zuppa). Hier spricht das Textsubjekt, wird persönlich. "Es fehlt der Grund unter den Füßen" nimmt einerseits Bezug auf die vorhergehenden "Pakete" und könnte auf ein Ende oder zumindest die Begrenztheit des mütterlichen Schutzes hinweisen. In den folgenden Paketen erscheint eine weitere Person, eine männliche.
SimonLore schreibt bezüglich des dritten Paketes: Es fehlt mir also eine grundlegende Zutat zum Verständnis.
Das ist eine der Aussagen dieser Strophe. Das Wort "Grund" stellt aber auch die Frage des Motives. Es bleibt die Unerklärlichkeit dessen, was Menschen Menschen antun können. Ein weiterer Aspekt: Das Textsubjekt grenzt sich ab, es ist und bleibt sein eigenes Thema, längerfristig, mit allen Konsequenzen: auf ewig wund.

Zuppa hat richtig gegoogelt. Der konkrete Ort "Schönleinstraße" ist tatsächlich biografisch verortet. Der poetische Gehalt dieser Ortsangabe stach ins Auge. Einerseits Verniedlichung und damit eine "heile Welt - Aura" verströmend, andererseits vermag der Name einen leicht zynischen Beigeschmack, aus der Entfernung der Jahre betrachtet, hervorzuzaubern. Das heißt, es gibt tatsächlich die Geschichte eines Menschen, wo die konkrete Ortsangabe zutrifft.

Der Titel ist lesbar vom Textsubjekt her. mich kleines menschliches wunder, goldtalerkind, hat man ... ,
und er ist lesbar als dauerhafter Stachel im Fleisch des Textsubjektes: ein "Er" hat ihn verwundet, damals bis heute, die wunde bleibt, reibt immer noch. "macht mich wund" - ein dauerhafter, fortgeführter Prozess.

Das Gefühl des Ausgeliefertseins, die Sehnsucht nach Schutz und familiärer Verlässlichkeit, der Einbruch des Bösen in eine heile Welt ... das Gedicht sollte ein Versuch sein, denn wie sollte "Unsägliches" erklärt werden.

Danke Zuppa, SimonLore und Jolante für die Beschäftigung mit dem Text und die nachspürende Emotionalität.

Nur um eventuellen Betroffenheitserklärungen zuvorzukommen: Dies ist ein Gedicht. Es handelt sich nicht um Libkowsky. Das Ganze ist eine Konstruktion. Ein Versuch.

Kommandantengrüße von Libkowsky

 

mich wund.er




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