augustine
|
22.02.2010, 21:26 / 2 x geändert
|
|
Sie gehört sicherlich zu den wirklich bedeutenden deutschen Dichtern (und nicht etwa 'Dichterinnen') der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts; eine, die in hohem Ton schrieb, und dieser Ton war (fast immer; Ausnahmen gibt's, finde ich) nicht hohl.
Grundinformationen natürlich übers Netz.
Ich habe gerade die Biographie von Dieter Kühn gelesen, 2008 erschienen, jetzt schon im Modernen Antiquariat.
Nur einen Punkt möchte ich herausgreifen: Kolmar, die Jüdin, hat auch Gedichte über Robespierre geschrieben, und das in einer Zeit, in der, wie in der Zeit seiner Herrschaft in Frankreich le terreur, in Deutschland der Hitler-Terror begonnen hatte. Der Biograph verzweifelte daran und machte etwas, was ich so noch nie gesehen habe: er hat den größeren Teil des gedachten Kapitels dazu in den Anhang gestellt, damit der Leser wenigstens sein Material habe, denn er fand keine ihn selbst überzeugende Hypothese dazu.
Zum erstenmal wurde ich auf Kolmar aufmerksam, als ich (bei einem Besuch in Ostberlin wohl) die Auswahlausgabe ihrer Gedichte aus dem alten Aufbau-Verlag gekauft habe: Die Kerze von Arras. (In A. ist R. geboren, der Buchtitel greift einen Namen auf, den ihm seine Anhänger in Verehrung gaben.*)
Dieser Buchtitel in der DDR ist nicht so verwunderlich, wie der Biograph meinte. Er ist vielmehr genau in die marxistische Geschichtsvorstellung einzupassen: die Frz. als die bürgerlich-demokratische Revolution musste sein, bevor es, mit der Zwischenstufe der "Diktatur des Proletariats", zur unumkehrbaren sozialistischen kommen konnte. (Was war, wissen wir.)
Ich habe zweimal Kolmar hier erwähnt (Suchfunktion).
Mit dem Hinweis jetzt möchte ich fragen: mag jemand mit mir und anderen ein literarisches Gespräch über sie führen?
Darüber würde sich freuen:
augustine
*edit: in dem Auswahlband vom Aufbau-Verlag, S. 111, steht allerdings: sie [die Mitglieder der ersten Nationalversammlung] nannten ihn "spöttisch" so; es sieht so aus, als sei das eine Infomation von G. K. an den Leser; das Gedicht heißt nur "Die Kerze", aber eben der ganze Auswahlband Die Kerze von Arras.

|  |
Margret v. G.
|
23.02.2010, 09:18 / 1 x geändert
|
|
Keine Ahnung, ob ich ein literarisches Gespräch führen kann über die Kolmar, die Erzieherin Trude, also über den wirklich bedeutenden deutschen Dichter (und nicht etwa 'Dichterin'!) Gertrud Kolmar.
Sind doch so viele weibliche Stimmen zu hören, wenn man nur erst einmal hin lauscht zu ihren Lyr-Ichs --- die Verlassene, die Verworfene, die Unerschlossene, die Irre, die Fahrende, die Gauklerin, die Hässliche, die Gesegnete, die Drude, die Landstreicherin, die Räubertochter, die Troglodytin, die Blinde, die Hexe, das Freudenmädchen, die Kinderdiebin, die alte Jungfer, die Mörderin, die Einsiedlerin, die Lumpensammlerin, die Fremde. All diese weiblichen Gestalten, diese Randständigen, Ausgegrenzten, Verachteten, Geschmähten mögen vielleicht Aspekte der einen Kulminationsfigur sein: der Jüdin (und nicht etwa 'des Juden').
Das Abstoßende, Irre, Irrende zu thematisieren, das bedeutet bei Kolmar wohl, bestimmte gesellschaftliche und politische Gegebenheiten zu spiegeln in ihren Werken, die Atmosphäre ihrer Zeit einzufangen und zu reflektieren, und zwar mittels einer sinnlichen, gleichsam tastbaren, abtastbaren Textur, welche die meist weiblichen Stimmen, die sich da aussprechen wollen, gestaltgebend umhüllt.
In den frühen 30-er Jahren, nach der Machtübernahme jener Deutschen, in deren menschenverachtendem Vokabular "Geziefer" eine so tödliche Rolle spielte, entsteht das Gedicht "Die Kröte", auch hier spricht eine weibliche Stimme, die eines fabelhaften Märchentieres, hinter dessen hässlicher Larve anderes Funkeln sich verbirgt. Da heisst es:
Unter fauliger Planke
Aus Morastigem Glied um Glied,
Wie versunkner Gedanke
Aus dem Wust, aus dem Schlamm sich zieht.
Durch Gekräut, um Kiesel
Hüpf ich als dunkler, bescheidener Sinn;
Tauiges Laubgeriesel,
Schwarzgrüner Efeu spült mich dahin.
Ich atme, schwimme
In einer tiefen, beruhigten Pracht,
Demütige Stimme
Unter dem Vogelgefieder der Nacht.
Komm denn und töte!
Mag ich nur ekles Geziefer dir sein:
Ich bin die Kröte
Und trage den Edelstein ...
Und einmal, in einem Brief, schreibt sie wohl: "Ich bin eine Dichterin, ja, das weiß ich ..."
Markröt mit der ... ... ...
Silberzunge grüßt

|  |
augustine²
|
23.02.2010, 14:26 / 3 x geändert
|
|
Hier stand eine freundliche Anrede an Gretchen.
War sinnlos.
augustine

|  |
Vladimir
|
Mir ist die überaus wichtig.
Bei ihr wie nur bei wenigen in ähnlicher Weise (Celan!), hab ich das Gefühl, dass sie wirklich spricht - das heißt: anspricht - nicht künstelt, nicht spiegelt, nicht "macht".
Das noch gerade von der Scham zugelassene Aussprechen in dem aber die Scham, und damit die Verletzbarkeit doch immer mitzufühlen ist, das ist ihre "Stärke", wenn man das so nennen möchte, das macht ihre Dichtung für mich aus und hebt sie - in dieser Hinsicht - weit über "Künstler" wie Benn, Rilke, Schiller (der, wie ich neulich in einem Brief nochmal gelesen hat, glaubt, die Freundschaft oder Liebe zu anderen sei letztendlich eine zu sich selbst).
Besonders: der Band "Welten", "Die Verlassene", "Die Selige"....
Aber auch einige dieser Wappen-Gedichte, und was es über Robespierre gibt.
Soweit erstmal?
Hoffe da entspinnt sich etwas!

|  |
augustine²
|
24.02.2010, 22:50 / 1 x geändert
|
|
Ja, Vladimir, das hoffe ich auch: da entspinnt sich was.
Es ist vielleicht ein guter Moment anzufangen: du bist mit etwas fertig, ich auch (du weißt, was) - und ich habe eben die Kommentierte Ausgabe des lyrischen Werks bestellt. Ja, sie ist ernst aus einer Tiefe, wie nur wenige sie erreichen.
Kühn anfangen mit Welten? Nicht vor dem Anfang der nächsten Woche.
Liebe Grüße augustine
Die Rezension dazu von Burkhard Müller (SZ 13./14. 2004) findest du vollständig bei buecher.de

|  |
Datura
|
28.02.2010, 13:55 / 1 x geändert
|
|
habe meinen naiven Kommentar entfernt....
Datura

|  |
Datura
|
28.02.2010, 18:11 / 1 x geändert
|
|
...
als Pn
geschickt

|  |
Elise
|
Sprechblasendifferenzen bitte per PN aushandeln.
Substanz oder Schweigen: Falls hier weitere offtopic-Beiträge auftauchen, verschwindet der Faden im Small Talk, was ich wirklich schade fände.
Elise

|  |
Gretchen Darloni
|
Nein, keinesfalls möcht ich, dass dieser Faden im "Small Talk" verschwindet, denn ich finde den Kolmar-Thread eine feine Anregung und versuche, "Substanz" beizutragen, so gut eine wie ich es eben vermag.
Naja, augustines Aussage weiter oben, G. K. sei "ernst aus einer Tiefe, wie nur wenige sie erreichen", ist als Seufzer subjektiven Beeindrucktseins natürlich nicht anfechtbar, sagt aber andererseits jemandem, der/die noch nichts oder nur wenig mit Kolmar in Verbindung bringen kann, doch kaum etwas über sie und die Besonderheit ihres Werkes, also, woraus oder wie sie denn beispielsweise diese Tiefe, die offenbar augustines Geschmack trifft, gestaltet, was die Merkmale und Eigenheiten ihrer Sprache sind, was da im einzelnen beeindruckt usw. ---
Vladimirs Aussagen gewähren mir da schon etwas mehr Zugang zur Dichterin, denn er deutet ja etwas an von dem, was für ihn "die Kolmar" ausmacht, und warum sie ihn anrührt, ihm wichtig ist.
Kurzum, ich bin dafür, Phrasen der Begeisterung (quelle voix de poitrine! quelle source d'inspiration!) zwar nicht unbedingt zu vermeiden, es ist wertvoll und wichtig, sich an etwas begeistern zu können, aber sie dann doch, wennettirgendwiegeht, auch mit Zusatzinfo zu unterfüttern bzw. ein wenig ins Detail zu fächern und vllt. konkrete Begeisterungsauslösereize zu benennen für etwa vom Enthusiasmus der Kennerschaft noch nicht Ergriffene. Das schreibe ich, weil "Gertrud Kolmar" mir einer möglichst ernsthaften Zuwendung wert scheint; ist mehr als Bitte gemeint, den Stil des "zur Sache Sprechens" nicht mählich einem Stil des schwatzhaften "über die Sache hinweg Sprechens" zu opfern, und möge bitte nicht missverstanden werden als Versuch, mal wieder provokant, hämisch oder "witzig" sein zu wollen (Datura, btw., die PN darfst Du Dir an den Spiegel stecken. Danke.).
Wie nun das ganz Eigene an Kolmars Lyrik beschreibend dingfest machen?
In meinem Beitrag als M. v. G. weiter oben hab ich versucht, eine Ahnnung davon zu vermitteln, welcher reichen Vielzahl von Stimmen sie Rederaum gewährt in ihrem Werk; hab versucht zu be-deuten, was ein gemeinsamer Nenner für diese Stimmen sein könnte; dass es wohl eher weibliche Stimmen sind und: nicht unbedingt die Stimmen der vom Schicksal Begünstigten; dass sie, Kolmar, mir ganz aus ihrer Zeit heraus zu schreiben scheint - gut, man könnte fragen, wer das denn nun nicht tue, aber dann vllt. postulieren, sie tue es eben intensiver als andere, mit einer höchsten inneren Beteiligung und Hingabe, und dennoch distanziert "im Handwerk des Schreibens", und gerade dadurch komme das besondere Timbre ihrer Sprache zustande.
Hingabe und Distanz, ja, eine scheinbar unmögliche Paarung ...
Du, augustine, hast einmal einen Faden zum Thema Leben und Werk aufgemacht, und an den denk ich gerade, und gebe deshalb in diesen Kolmar-Faden jetzt einen Link zu einer Seite, wo diejenigen, die nun weder gleich Bücher anschaffen noch stundenlang im Netz recherchieren wollen, sich komprimiert und doch ansprechend (find ich jedenfalls) mit Informationen zum Leben und Werk Gertrud Kolmars (Daten, Biographisches, Beispiele ihrer Gedichte) belesen können.
Gretchen

|  |
augustine²
|
01.03.2010, 20:38 / 1 x geändert
|
|
Der Beitrag von Gretchen in ihrer vorübergehenden Erscheinungsform als diese ist gleichfalls Spam; Spam in seiner gelegentlichen Erscheinungsform als scheinbares Informiertsein und als Belehren mit null Kenntnis, das doch nur eine verkleidete Sottise gegen augustine ist.
Bitte, Elise, lösch diesen ganzen Faden. Die vierfache Margarete ist solcher Dichtung in keiner Erscheinungs-Weise gewachsen. Für einen Austausch über Gertrud Kolmar brauch ich dies Forum wirklich nicht.
ansonsten gab es pn's von mir an Elise und an Margret.
augustine

|  |
Elise
|
Mein Vorschlag zur Güte, spontan:
Allgemein sich in sachlicher Gelassenheit üben, selbstkritisch bleiben.
Wer auf hohem Ross, Feuerstuhl etc. sitzt, möge absteigen,
sich erden.
Mit Grüßen in die Runde, Elise

|  |
Marcel Frank
|
"Ja, sie ist ernst aus einer Tiefe, wie nur wenige sie erreichen."
Vgl. Rezensionsnotiz zu 'Süddeutsche Zeitung', 13.03.2004, Burkhard Müller mit "Müller zitiert dann gleich mehrere Gedichte, um in schwärmischer Exegese ihre Schönheit und Einzigartigkeit zu rühmen."
und
"Ihre [...] Gedichte suchen nicht Tiefe, sie sind "verspielt", die Reime sind "eingängig", noch die profansten Dinge bedichtet sie. [...] Das große lyrische Werk der 20er Jahre (nach 1933 werden die Gedichte dagegen sehr konventionell) gilt es in seinem ursprünglichen Zustand wieder zu entdecken." (vgl. Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.12.2003)
---
Beim Googlen hier hängengeblieben: "Die Dichterin // Du hältst mich in den Händen ganz und gar. // Mein Herz wie eines kleinen Vogels schlägt / In deiner Faust. Der du dies liest, gib acht; / Denn sieh, du blätterst einen Menschen um." (eins oder zwei).
"wie eines kleinen Vogels": Wo ist die poetische Schokoladenseite, so wie hier links (derdudiesliest) und rechts (diedichter/innen)? Weiß nicht, ob ich Gretchenhochvier beipflichten kann, verstünde aber sofort, wenn jmd. bei "Tiefe" erst einmal an Schwimmbecken denkt und bei feierlichen Zuschreibungen wie "sie ist ernst" Augensaltos schlägt. Auch wird man, je mehr man sich reindröselt, den Eindruck nicht los, dass mit dem Klappentext zur o. g. Ausgabe eig. alles gesagt ist bzw. sein soll. Das war bestimmt nicht im Sinne G.K.s.

|  |
augustine²
|
02.03.2010, 23:11 / 4 x geändert
|
|
Ach, Marcel, immerhin hast du dir die Mühe gemacht, beim Perlentaucher ein wenig in die Schwimmbadtiefe zu tauchen; in Auswahl, versteht sich. Was dir nicht in den Kram passte, hast du weggelassen. (Für schiefe bis falsche Wiedergaben von Artikeln ist ja der sog. Taucher nach Perlen inzwischen bekannt.)
Wer Germanist und nicht nur Zeitgeistflüsterer ist, wird beim Wort 'Tiefe' und in Zusammenhang mit Literatur wohl nicht zuerst an Schwimmbad denken. Und wer hier Admin ist, müsste seine Stellungnahme ja nicht verstecken.
Du hast diesem Forum diesen hehren Titel gegeben, diese anspruchsvolle Gliederung in anspruchsvolle Unterforen. Aber je bekannter es wird - und das wird es nicht durch die Ursprungstexte, sondern durch das, was sich da vielwortig anschließt -, umso mehr Müll wird hereingeschaufelt.
Es gibt doch kaum noch Texte, die dem Forumstitel entsprechen. Hier einen Faden über Gertrud Kolmar zu eröffnen, war noch ein Versuch, das zu tun. Elise würde ihn gern behalten. Aber hier ist nicht mehr das Umfeld dafür, nicht mehr für anspruchsvollen Austausch. Das geht nicht mehr, wenn eine vier- bis fünffältige Margarete hier reinspammt.
Du lässt alles so gehen, wie's geht. Das hast du ja von Anfang an getan. Dann willst du's hier wohl so haben, wie's ist und werden wird, und dummerhaftiges Zeugs von Neuanmeldungen füllt die Seiten. Heute war's viermal der Wohler und viermal der Hirsch.
Ich warte noch ein paar Tage ab; ich will Elises Rat zumindest bedacht haben.
augustine
Übrigens ist dieser Faden mit seinen inzwischen vielen Klicks ein wunderbares Beispiel dafür, dass es nicht um einen Ursprungstext, den Vorschlag zu ernsthaftem Austausch geht ('ernst', auch so ein Wort, an dem Spötter ihr intellektuelles Leichtgewicht zeigen können), sondern darum zu lesen: was fetzen die sich denn da so fein weiter.
Und: sowas macht Quote. Es geht überall nur noch um Quantität. Zum Glück gibt's aber Nischen für Qualität. Bloß hier nicht mehr.

|  |
lost
|
Zum Thema
Erlaube mir, auf eine derzeit eben noch in Hamburg zu sehende Ausstellung hinzuweisen: Doppelleben, eine detaillierte Darstellung des literarischen Lebens nach 1945 in Deutschland, ein Panorama der Buntheit und Vielstimmigkeit dessen, was in den Nachkriegstrümmern möglich war. Eine meiner Meinung nach lesenswerte Einführung des Kurators der Ausstellung, Helmut Böttiger, in das Thema siehe -> hier.
Dies zu verstehen als Kontrapunkt zu Kolmar, der es nicht beschieden war, die literarischen Entwicklungen in der Zeit nach dem Krieg mitzuerleben.
Noch
Die unversehens entstandene Metadiskussion macht mich beklommen, da sie mir nicht so sehr der mangelnden Qualität und Ernsthaftigkeit gewisser Beiträge als vielmehr bestimmten Antipathien geschuldet scheint, die solcherart auszuagieren ich für unpassend halte. Mit anderen Worten: In einem Faden, der das literarische Werk der in Auschwitz ermordeten jüdischen Dichterin Gertrud Kolmar zum Thema hat, jemanden vom Diskurs ausschließen zu wollen mit der - nun: nicht weiter diskutablen - Begründung, er oder sie sei "einer solchen Dichtung" "nicht gewachsen", finde ich einigermaßen pikant.
Und nöcher
Gerade das, was gut ist (im Sinne von "qualitätvoll"), sollte man nicht in einem Elfenbeinturm verstecken und dort eifersüchtig hüten, sondern großzügig kommunizieren (im Sinne von "mit anderen teilen").
best regards, lost

|  |
augustine²
|
04.03.2010, 14:00 / 2 x geändert
|
|
Dank für deine Informationen, lost.
Zur Metadiskussion:
Dein 'Argument' bei Begründung scheint mir nicht richtig: Ich wollte niemanden von einer sachgerechten Diskussion ausschließen - wenn ich nicht hätte teilen wollen, hätte ich den Faden ja nicht aufgemacht (siehe die Einführung). Nur gab es Beiträge, die nicht sachgerecht waren, sondern in der Maske scheinbarer Sachlichkeit geschrieben, um zu verletzen.
Das ist schon alles.
augustine mit etwas verwunderten Grüßen

|  |
lost
|
| Zitat: |
| Nur gab es Beiträge, die nicht sachgerecht waren, sondern in der Maske scheinbarer Sachlichkeit geschrieben, um zu verletzen. |
Dies Deine Sicht der Sache, augustine, welche weiter hinterfragen zu wollen ich mir natürlich nicht anmaße.
Jedoch sind auch andere Blickwinkel möglich. Und: Braucht der lit-on-Planet
eine Achse des Bösen? Nein ... oder?
regards, lost
|  |
Jonathan
|
Hallo Augustine,
Sie haben eine interessante Diskussion begonnen. Auch andere scheinen sich gleich nächste Woche intensiv mit Gertrud Kolmar zu beschäftigen:
http://www.presseportal.de/pm/69735/1566017/anna_amalia_und_goethe_akademie
_zu_weimar
Sicher eine bezaubernde Dichterin. Grüße, Jonathan

|  |
Gretchen Darloni
|
13.03.2010, 20:17 / 1 x geändert
|
|
Ja!!!
Bezaubernd! Das ist es! Bezaubernd, bezaubernd, sicher eine ganz bezaubernde Dichterin,
diese Kolmar, wie sie da aum Viehwagen steht, sehr treffend ausgedrückt.
So ein "bezaubernd" trennt zuverlässig den Spam vom Weizen.
Grüße:
die Kröte
("Bezaubernd"! Das ist ein so wunderbares Epitheton, Jonathan, so passend und aussagestark, so durch und durch wohlriechend. Wäre nur mir so ein Maiglöckchenwort eingefallen, um G. K. zu beschreiben, ich wäre nicht in Ungnade geraten. Man hätte mir die Zunge nicht ausgerissen, wenn ich die Kolmar so balsamisch hätte beschrieben, so eloquent, so - bezaubernd eben! Wäre mir nur so ein Zauberwort gekommen, ich hätte mir die ganze Arbeit, die ich mir machte mit meinen unerwünschten, unverschämten, unverständigen Beiträgen hier, ersparen können! Ach, Jonathan, ich beneide Sie um ihre Sprachkraft und natürlich auch um den tiefen Zugang, den Sie zum Werk der G. K. haben [dürfen] und den ich, Ratte, Schmeißfliege, Unwürdige, nicht habe[n darf] und nie haben [dürfen] werde. )

|  |
augustine²
|
13.03.2010, 21:42 / 2 x geändert
|
|
sondern - ja, wie sagt man denn da, wenn man nicht von beidem (lebensbedrohlich) angezogen wird, sondern beides unpassend findet? -
deins, Gretchen, auch die kleiner geschriebene Bemerkung, und deins, Jonathan.
Denn wirklich ist das bewertende Wort "bezaubernd" vollständig daneben für die Dichterin Gertrud Kolmar: aber der link auf die Weimarer Veranstaltung ist ein guter Hinweis.
Doch keine Sorgen, Annahmen, Wünsche, ausgesprochenen oder runtergeschluckten Verfluchungen und auch kein Triumphgeheul möglichst:
ich betrachte diesen Faden nicht mehr als meinen, und (m)ein Gespräch über G.K. wird auf andere Weise stattfinden.
augustine

|  |
Datura
|
13.03.2010, 22:00 / 1 x geändert
|
|
nein, ich finde die Gedichte und Prosa der Kolmar nicht bezaubernd, sondern verstörend, dunkel und aufrührend.
Ich würde mich gerne über " Susanna " austauschen.
LG
Datura

|  |
Gretchen Darloni
|
14.03.2010, 11:17 / 1 x geändert
|
|
| Zitat: |
| Denn wirklich ist das bewertende Wort "bezaubernd" vollständig daneben für die Dichterin Gertrud Kolmar, aber der link auf die Weimarer Veranstaltung ist ein guter Hinweis. |
Beruhigend zu lesen. Da ist also die Differenzierungsfähigkeit, die man an anderen Stellen vermisst, doch immerhin gegeben.
| Zitat: |
| (m)ein Gespräch über G.K. wird auf andere Weise stattfinden |
Nachvollziehbar. Man muss nicht jedes Begeisterungsbäuerchen öffentlich machen. Sowas tun ja nur B- und C-Promis.
| Zitat: |
| [...] Sorgen, Annahmen, Wünsche, ausgesprochenen oder runtergeschluckten Verfluchungen und auch kein Triumphgeheul [...] |
Es geht nicht um Sorgen, Annahmen, Wünsche, Verfluchungen, Triumphgeheul.
Es geht - ganz konkret - um undifferenzierte, unbegründete, unpassende augustinische Anwürfe wie "scheinbares Informiertsein", "Belehren mit null Kenntnis". Es geht um Backpfeifen, Diskriminierung, Demütigung, Maßregeln, Verächtlichmachen, Verletzen. Um selbstherrliches, diktatorisches Verurteilen und Urteilen darüber, was "anspruchsvoller Austausch" sei, was als "sachliche Diskussion" zu gelten habe, wer "solcher Dichtung" "gewachsen" sei, und dass "das" (der "anspruchsvolle Austausch") "nicht mehr geht, wenn eine vier- bis fünf-fältige Margarete hier reinspammt."
Es geht um Anmaßung, Abstempelung, Ausgrenzung
und den daraus entstehenden Schmerz.
Und das war's auch schon.
Grüße in die Dunkelheit
von der nicht ein-fältigen Margarete
|  |
Jonathan
|
... man sollte vielleicht differenzieren, die Dichtung ist überwiegend vor 1933 entstanden, diese ist nicht nur bezaubernd, sie ist weit mehr als bezaubernd, gerade auch hoch erotisch und unverhüllt für diese sonst so spießige Zeit. Die Kommentare scheinen die NS-Zeit im Blick zu haben, da wird es wirklich düster, konzediert! Womit hat sie nun den Lorbeerkranz verdient, ihr allwissenden Damen?(?) Wenn ein Wunsch im Diskurs erlaubt ist: bitte Florett, keine Hiebwaffen. Jonathan

|  |
Gretchen Darloni
|
14.03.2010, 23:28 / 1 x geändert
|
|
Jonathan!
Nie verlieh ich einen Lorbeerkranz noch behauptete ich je von mir, allwissend zu sein. Versuchte lediglich nach meinen Möglichkeiten, mich der G. K. respektive ihrem Werk zu nähern.
Mir gefiele es, aus dem Schaffen G. K.'s vor 1933 zwei bis drei nicht zu knappe Zitate zugepostet zu bekommen nebst einigen erläuternden Sätzen, die mir das "bezaubernd" belegen und begreiflich machen. Und auch/oder aber zwei bis drei Zitate, aus denen sich das "aufrührend, dunkel, verstörend" ergäbe ...
Hiebwaffen (ge)brauche ich nicht, das Florett steht mir nicht, dafür bin ich zu wenig sophisticated. Setze im Diskurskampf nichts als meinen Körper ein:
Arme, Beine, Finger, Füße, Flügel, Zunge, Kraft, geschmeidige Bewegung, meinen Feueratem.
Graziösen Gruß,
Margret v. G.
... ... ...
Derrière les décors
De l'existence immense, au plus noir de l'abîme,
Je vois distinctement des mondes singuliers ...
(Charles Baudelaire, La Voix)

|  |
Datura
|
15.03.2010, 08:04 / 3 x geändert
|
|
das kann ich gerne machen Gretchen, es ist nur so, dass diese Stimmung aus sehr vielen ihrer Gedichte strömt und auch aus der Erzählung " Susanna".
Ich nähere mich ja erst dieser Dichterin. Deshalb hier nur 2 Auszüge:
aus : "An die Gefangenen"
Zum Erntedankfest am 1. Oktober 1933
" Oh, ich hab euch ein Lied singen wollen, das die Erde erregt...
ich habe drei kluge Worte sinnend zusammengebracht
Statt der Klänge,die heiß wie Blut aus dem Herzen
spritzen,
die rasen, wie eine Sturmglocke aufschreit um
Mitternacht,
wenn apokalyptische Reiter auf mähnigen Pferden sitzen...
das wird kommen, ja , das wird kommen; irret euch nicht!
Denn da sie dieses Blatt sie finden, werden sie mich greifen...
Herr, gib, daß ich wach mich stelle deinem heilgen großen Gericht, wenn sie an blutenden Schopf durch die finsteren Löcher mich schleifen!...."
und aus : " Die Gesegnete"
Ich bin im Dunkel und allein.
Und neben mit lehnt doch die Tür.
Wenn ich sie klinke, steh ich ganz im Licht.
Da sind ein Vater, Mutter und die Schwestern,...
Wie darf ich lügen, und wie kann ich sagen,
Daß ich ins Finster hingestoßen ward?
Ich hab mich selbst aus allem fortgetragen....."
( dieses Gedicht z.B. könnte ein Schlüssel zu der Erzählung " Susanna" sein ...)
LG
Datura

|  |
Hirsch
|
03.04.2010, 20:02 / 1 x geändert
|
|
--- "Ein fiktiver innerer Monolog der Dichterin Gertrud Kolmar, die die Berliner Siegessäule besteigt, um sich zu Tode zu stürzen - als ein Akt der Selbstbestimmung angesichts der Gewissheit, in absehbarer Zeit in einem nationalsozialistischen Vernichtungslager getötet zu werden. Und sich, oben angekommen, doch entscheidet umzukehren und abzusteigen."
---
Das klingt sehr sehr durchdacht, auch sehr ernsthaft, und passt natürlich hervorragend für Karsamstagabend, jedenfalls für ü40-Leute, denke ich.
--- "... beschreibt ein Moment ästhetischen Widerstands und hat dabei weder etwas Selbstmitleidiges, noch setzt es auf schlichte Betroffenheit eines solchen Holocaust-Themas. Vielmehr erzählt das Stück subtil; nicht nur von Bedrohung, Ohnmacht, Angst, sondern auch von einer Todessehnsucht, von der Liebe zu dieser Stadt, vom Mut einer Frau, sich unter widrigsten Umständen persönliche Freiräume abzustecken.
Die Rolle der Kolmar, deren Persönlichkeit Gerlind Reinshagen präzise abbildet, ist mit Angela Winkler hervorragend besetzt: Ihre zarte, zerbrechliche Stimme macht das Ausmaß der Willensstärke, der Unerschrockenheit und der Reflektiertheit dieser Figur auf besondere Weise ..."
---
Gut so: ästhetischer Widerstand, subtil und nichts Selbstmitleidiges. Dazu die ganze Palette - Bedrohung, Ohnmacht, Angst, Todessehnsucht, Liebe, Mut, Frausein - das hört sich hochprozentig an.
Hmmm ... leider werde ich diese Sendung wohl nicht hören können um 20:05 h, bin anderweitig gebucht heute Abend, werde mich gleich auf den Weg machen zu einem Schweigemahl mit sieben Kräutern, anschließend geführte Bildmeditation über "Das Ei, außen zerbrechlich, willensstark innen! - Österliche Symbolik und was sie uns sagen möchte", danach dann intensiver Austausch über alles.
Im Prinzip würde die Kolmar-Sendung wahrscheinlich gut in diesen ganzen Abendablauf passen. Man könnte sich wohl während dem Schweigemahl anhören, wie Gertrud auf die Siegessäule steigt und befreiter wieder herunter, aber die Gastgeberin ist ziemlich eigen, greift nur ungern Anregungen auf, wird pampig, wenn nicht alles so läuft wie sie es geplant hat, tja, eine pikante Persönlichkeit, allgemein etwas fixiert, andererseits aber liebenswert, wirklich, und empfindsam. Bei ihr ist es umgekehrt: willensstark außen, innen zerbrechlich.
Uuuh, ich muss los - auf jeden Fall danke für den wertvollen Hinweis!
Hirsch


|  |
Willimox
|
23.05.2010, 12:18 / 1 x geändert
|
|
Interesse an Texturen und Fragen der modernefernen Tradition?
Ich kehre müde heim zu später Stunde
Ich kehre müde heim zu später Stunde.
Die Straßen schimmerlos, verwölkt die Sterne,
Die Nächste weit, gespenstisch nah die Ferne
Und schreckhaft gellend das Gebell der Hunde.
Es sitzt ein Haus geduckt am Himmelsgrunde
Im tiefen Bläulichgrau gleich schwarzem Kerne,
Ein goldenes Fenster bei sich als Laterne,
Durchspäht’s die nächtlich engbegrenzte Runde.
Rings Niemandsland an namenlosen Wegen.
So denk ich denn, daß Deinem Dorf entgegen
Mit meinem Schuh das liebste Mädchen schreitet,
Daß heute die Pascher du beschleichen müßtest
Und, wie du droben dich zum Gange rüstest,
Dein Licht mich schaut, mir zustrebt und mich leitet.
(aus: G.K.: In memoriam, 1918)
Vielleicht ein Durchleuchten des Textes und seiner Strukturen, erstmal ohne das Verdict "epigonale Lyrik", dann eine Wertungsdiskussion?
Und: Kann jemand den Text nochmal schnell gucken. Hier nur ein - wahrscheinlich oberflächlich gefertigter - Internettext.

|  |
Willimox
|
23.05.2010, 16:17 / 1 x geändert
|
|
an augustine und Interessierte .... ein erster Aufhellungsversuch bei den Terzetten:
Rings Niemandsland an namenlosen Wegen.
So denk ich denn, daß Deinem Dorf entgegen
Mit meinem Schuh das liebste Mädchen schreitet,
Daß heute die Pascher du beschleichen müßtest
Und, wie du droben dich zum Gange rüstest,
Dein Licht mich schaut, mir zustrebt und mich leitet.
Zunächst einmal Basics:
Die zwei Terzette ziehen aus Umfeldbeobachtungen (in den Quartetten) oder auch aus der Diffusität der Umweltbeobachung einige "Schlüsse": Das lyrische Subjekt fokussiert die innere Vorstellung in enger oder freier Assoziation an das "Niemandsland" - "so denk ich denn":
Zwei davon abhängige Inhaltssätze mit explizitem und implizitem dass: dass das liebste Mädchen schreitet ... Dein Licht ..... schaut ... zustrebt ... leitet.
Eine Paschersituation - eine Schmugglersituation als Frame - alles in referenz auf ein Lyrisches Du, manchmal klein geschrieben, dann wieder groß.
Nehmen wir an, das Pascherbeschleichen ist nicht metaphorisch gemeint - Dorf und Natur und diffuse Nacht sprechen eher für eine echte Schmuggelsituation, so ist das Du also männlichen Geschlechtes.
Die Lesart " Gott" bei "dein Licht mich schaut" fällt dann eher aus. Fraglich ist, warum in einer Beschleichsituation ein Licht genützt wird, da man sich doch eher nicht zu erkennen geben will.
Ähnlich offen bis irritierend oder friktiv oder auch missdeutbar die Situationshinweise zum lyrischen Ich: Ist das Mädchen, das sich dem Dorfe des Adressaten nähert, ein anderes Mädchen als das des lyrischen Ichs? (Genitivus explicativus).
Ist das vielleicht eine Wunschvorstellung des weiblichen Lyrischen Ichs, sich als "liebstes Mädchen" dem Adressaten zu nähern? Ist der Schuh ein Hinweis darauf, dass es sich um den Wunsch des lyrischen Ichs handelt, eines Ichs, das zwar die realen Schuhe aus seiner Lebenswelt anhat, aber eben sich selber zuschaut und dabei die Wunschrolle als eine fremde und eigene Rolle wahrnimmt?
Fragen über Fragen, erst einmal an den Text, dann an Textkundige und Kontextkundige.

|  |
Elise
|
Ja, ein schöner Vorschlag, Willimox, und ein hilfreicher, da er über das gern beschworene subjektiv betörend Verstörende an Kolmars Dichtung hinauszuführen vielleicht angetan ist.
Darf ich eine Anregung geben?
Mir gefiele es, wenn Du, Willimox, das Gedicht bei Gedichtinterpretationen (Link) separat einstelltest; Fadentitel: Gertrud Kolmar / Ich kehre müde heim ...
Dann in einem weiteren Post Deine Überlegungen dazu (so wie hier auch bereits geschehen), und alles danach ergibt sich - hoffentlich!
Mir wäre es angenehm, diese Textarbeit "für sich" stehen zu haben.
Hier, in den Kolmarfaden integriert, sind diese auf einen konkreten Text bezogenen Beiträge schwer auffindbar.
Herzliche Grüße, Elise

|  |
augustine²
|
23.05.2010, 17:51 / 2 x geändert
|
|
O Elise! Was für ein guter Vorschlag!
Und Willimox: tust du's so?
Éinen Grund für die Bitte hat Elise genannt. Für mich - wenn du den ganzen Faden gelesen hast, was ja sein könnte, verstehst du's wohl - wär's eine Möglichkeit, auch mitzuschreiben.
Herzliche Grüße auch von mir. augustine
(@Elise: hier bitte löschen; ich schreib's in den neuen Faden)

|  |
Willimox
|
Umwidmung erfolgt unter dem leicht technokratisch angehauchten
Titel
Pascher-Dechiffriergroup.
Die ( = Group) dann wahrscheinlich auch - nach entsprechender einfühlungsfrist - sich der und sich die Evaluationsaufgabe stellt.
greets

|  |
Elise
|
augustine, schön, dass gerade Du als vorzüglich Text- und Kontextkundige Dich zur Beteiligung an dieser Arbeit entschließen kannst, über bloßes "Mitlesen" hinaus (bitte dem Link folgen).
Allerdings, das möchte ich gerne erwähnen, sollte die Mitarbeit unabhängig von "Vorwissen" und dgl. bitte allen offen stehen, die sich dem Text nähern wollen.
Willimox, Dir ein Dankeschön!
Das leicht technokratisch Angehauchte: very zeitgemäß. Und die Evaluation dürfte nach adäquat kalkulierter Warm-up-Phase mit bedarfsadaptiert geshorteten Ad-hoc-Briefings positive Bilanzen schreiben ... hofft & wünscht (sich) (auch)
mit Gruß
Elise

|  |
|
|
| |