Aussicht auf Heilung · ruelfig · Tagebuch

1118 Aufrufe ·

Neue Beiträge   |  Forenliste   |  Registrierung   |   Lesungen  |   Archiv   |   a n m e l d e n

 

     ruelfig



Aussicht auf Heilung

   05.08.2009, 21:48



21.09.2009
Ich habe endlich einen Platz zugewiesen bekommen im Sanatorium Shangri La. Hier wird nach den modernsten Methoden ganzheitlich therapiert, unter Einbeziehung sämtlicher spiritueller und medizinischer Erkenntnisse aller Zeiten und Völker, Schulmedizin ausgenommen. Davon habe ich aber auch genug, ich nenne jeden Arzt der Stadt beim Vornamen und keiner hat mir jemals ansatzweise helfen können. Jetzt aber gehe ich auf die Suche nach meinem inneren Großvater, damit er mir verzeihen kann. Dann endlich werde ich mich selbst wahrnehmen können. Noch kann ich mich nicht im Spiegel sehen, so weit bin ich von mir entfernt.
22.09.2009
Angekommen. Das Haus liegt in einer Traumlandschaft, Hügel reiht sich an Hügel, von Buchenmischwäldern bedeckt. In silberklaren Seen schwimmen Forellen, Vogelsang erklingt, die Luft schmeckt frisch und herbstlich. Mein Zimmer ist ein wenig klein und liegt an einem Innenhof. Es hat kein Fenster, der Türsturz ist niedrig, damit ich Demut lerne. Eine Tür gibt es nicht, wir wollen uns öffnen, erklärt Dieter, mein Betreuer. Keine Möbel, der Boden, auf dem ich schlafen werde, besteht aus Kopfsteinpflaster, damit mein Körper sich wieder spürt. Die Wandfarbe sei essbar, wird mir versichert, mit einem schalkhaften Glitzern im Auge. Ich bekomme eine Robe aus grauem Nesselstoff, der Kopf wird rasiert, um der Eitelkeit zu entkommen. Die nächsten zwei Wochen werde ich weder baden noch duschen, um meinen Eigenduft zu finden. Zum Abendessen gibt es Sandelholzplätzchen, Salat und Jahrgangsurin. Wir dürfen alles essen, was sich selber anbietet, doch auch nach längerer Diskussion will sich eine Tomate nicht hergeben. Hungrig liege ich auf dem Boden unter einer Decke aus Stroh und schreibe im Dunklen. Morgen beginnen die Anwendungen.
23.09.2009
Um vier Uhr gibt es Frühstück (Sauerampfer mit Patchouli, so begierig, verspeist zu werden, dass es sich mir geradezu in den Mund drängt), von fünf bis dreizehn Uhr Selbstverwirklichung in Arbeit. Wir sitzen an langen Tischen und drehen Räucherstäbchen. Jetzt weiß ich, wie Geist und Körper im Einklang schwingen können, wenn man sich ganz hingibt. Nach dem Mittagessen (Graswurzelgeschnetzeltes) Einzelsitzung mit Dieter. Wir setzen uns Schwitzhüte auf und ich bekomme mein Mantra, das ich keinem verraten darf, weil es sonst seine Energie verliert. Ich summe es immerzu: "You can't run away from yourself". Nach dem Abendessen (Lichtsuppe) gemeinsames reenactment einer LSD-Sitzung. Thomas, ein anderer spiritueller Führer, stellt Timothy Leary nach und rezitiert solange aus dem Tibetanischen Totenbuch, bis alle freiwillig eine Nahtoderfahrung haben.
24.09.2009
Nach dem Frühstück (Mondbrei) versuche ich zu fliehen, werde jedoch von der Lovepolice aufgehalten. Man umringt mich und bestrahlt mich mit Liebe, bis ich schließlich wieder Räucherstäbchen drehe. Nach dem Mittagessen (Seelenmousse) Gruppensitzung: wir massieren uns gegenseitig Falten ins Gesicht, um das Altern zu akzeptieren. Nur mit einer solchen Haltung lässt es sich biologisch korrekt leben, erklärt Dieter. Ich fürchte, ich bin noch weit entfernt von meinem inneren Großvater. Nach dem Abendessen (Monatsblutsuppe) warten wir auf den Mondaufgang. Wir kauern auf einer Lichtung, jaulen und heulen. Ich habe ernste Visionen von goldenen Lettern, die über den Nachthimmel schweben. Leider kann ich nichts lesen, es scheint sich um ein fremdes Alphabet zu handeln. Ich träume von Dampfloks, die bonbonfarbenen Rauch ausstoßen, den ich einatme.
25.09.2009
Nach dem Frühstück (Energiebrötchen) ist mir schlecht. Dieter findet, dass dies ein gutes Zeichen sei und bringt mich zur Arbeitstherapie in den Zauberkräutergarten. Nach längerem Gespräch mit einer Datura erneut Gesichte. Weit entfernt, am Horizont, sehe ich einen uralten Mann in weißem Gewand, der, auf einen knotigen Stock gestützt, auf mich zukommt und sich dabei immer mehr entfernt. Nach dem Mittagessen (Knoblauch in Tigerbalm) Mentaltantrischer Sex mit Gisela, einer korpulenten Rheinländerin mit vielen interessanten Falten. Ich habe geistige Erektionsstörungen. Um die Spannungen zu lösen, wird mir Spießrutenlaufen verschrieben. Meine Mitpatienten stellen sich in einer langen Reihe auf, an der ich entlanglaufe und dabei mit gekochtem Rosenkohl beworfen werde. Ich hasse Rosenkohl. Durch die Intensität der Erfahrung bekomme ich eine mentale Dauerlatte. Nach dem Abendessen (Rosenkohl) gemeinsames Sternsingen. Langsam beginne ich, mich in meiner Zelle wohl zu fühlen.
30.09.2009
Ich habe heute nach dem Frühstück (Tau an Klee) einen Antrag an die Krankenkasse geschickt, noch weitere vier Wochen in Behandlung bleiben zu dürfen. Dieter und Thomas meinen, ich sei ein selten harter Knochen, der erst in feinste Atome gespalten werden müsse, um dann als ganzer Mensch neu zu entstehen. Heute Abend werde ich Gisela wiedersehen, wir wollen versuchen, ein Lichtwesen zu zeugen.

 

     zuppanova



Aussicht auf Heilung

   06.08.2009, 00:10



ruelfig, das ist ja geschmeidigst!

weiß gar nicht, was mir besser gefallen soll.
ich liebe die lovepolice, aber auch der speiseplan ist vom feinsten ("Monatsblutsuppe", "Tau an Klee"), dazu selbstverwirklichung in arbeit bis zur nahtoderfahrung, Giselas interessante falten, geistige erektionsstörungen mit kontrapunktischer rosenkohldauerlatte - und -> Timothy Leary, das alte untier, spielt auch mit, den hatte ich beinah schon vergessen ... der text hat eine so starke wirkung auf mich, mir ist, als wachse ein lichtwesen in mir - dabei hab ich mir noch nie einen schwitzhut aufgesetzt (auf schwitzhütte war ich aber schön öfter!).

feinst atomisiert und kurz vor der menschwerdung: die zuppa



ps: du hast den text bei "Erzählungen" gepostet. willst du das als zusätzliches stilmittel ("metaironie") verstanden wissen? dein bericht würde auch bei "Satire" passen, oder - ha! - bei "Tagebuch". soll ich den faden verschieben?

 

     ruelfig²



Aussicht auf Heilung

   06.08.2009, 00:35



Hallo Zuppanova, verschieb das nur in Tagebuch. Jetzt, wo ich mit Gisela liiert bin, hab ich nicht mehr so viel Zeit, all die Lichtwesen um die Füße und ich muss noch die neuen Ankündigungen fertigstellen für das Volkshochschulprogramm. Was meinst du, ist es besser: "Mit den Wurzeln in den Sternen - ein Repatriierungsprogramm" oder "Schwitz dich aus im Mondlichthaus"? Ach, es bleibt noch so vieles zu tun vor der nächsten Inkarnation.
Milchstraßenschnittchen mampfend,
LG, Ruelfig
und danke für das Feedback zu Leary. Ist mir das Gewese um den auf den Senkel gegangen, damals.

 

     Gretchen Darloni



Aussicht auf Heilung

   06.08.2009, 07:33



Heia ruelfig, dein Text turnt mich direkt an, bin schon richtig getunt und wahrscheinlich drop ich auch gleich voll aus.

Also, das ist sehr schick geschrieben, stilistisch konsequent durchgechannelt.

Die mitgeteilten Erfahrungen, Beobachtungen, Begegnungen und Reflexionen sind in allen Details markant und hochbedeutsam bis ins Feinstoffliche hinein, der ungewöhnlich leckere Speisezettel verwöhnt nicht nur den Gaumen, sondern auch den Geist, und das bonbonfarbenbunte Heilungslagerleben lässt weder Wünsche offen noch Langeweile aufkommen. Die Tagebuchnotizenform bringt Spannung rein und gibt dem Dingen genau den Schlag Authentizität, der per aspera ad astra führt: da schwingen alle Chakren gleich viel höher als sonst. Der Plotbogen ist so gut gebaut, dass auch den verspanntesten Lesern die Erleuchtung wie von selber kommt: sanfter Einstieg, konsequente Exposition bis zur vollen Entfaltung, große dramatische Klimax mit heftiger Fluchtkrise, kathartische Wendung zum kosmischen Frieden, Verlängerung des Aufenthaltes in Demut und Liebe, zukunftsträchtiges open-end mit kraftvoll anskizzierter be-happy-with-Gisela-Option.

ruelfig, ich wünsch mir ne Fortsetzung. Nen Ratgeber vielleicht, Erleuchtet leben leicht gemacht ...?

Ach manno, wenn mir endlich mal mein drittes Auge aufginge und ich meinen inneren Bleistift fände, könnt ich selber auch so was schreiben.

Greta Novizina

 

     Jolante



Aussicht auf Heilung

   06.08.2009, 11:44 / 1 x geändert



Grüß dich, ruelfig,

ich habe gerade die Luft angehalten, denn dein Wahnsinns-Selbsterfahrungstext hat mich beim Lesen fast umgehauen. Da sitzt jeder Satz, jedes Wort, und jede Silbe ist an ihrem Platz. Zuppanova und Gretchen haben bereits professionell elogiert, sodass ich nichts Gescheiteres mehr hinzufügen kann. Dieser Text, in dem eine Pointe die andere jagt, riss mich aus meiner Trägheitsphase. Gratuliere!!! - Eine Satire par excellence.

Jolante

 

     ear



Aussicht auf Heilung

   07.08.2009, 09:33



Hi, ruelfig,
zuppa , Gretchen, Jolante haben ihre Begeisterung bekundet. Von England her geht alles nur mit langer Verspaetung von mindestends 60 Minuten.
Swift und Pope haetten ihre Freude an deinem zukuenftig-vergangenen Tagebuch.
Euer Lichtwesen moege sich gut entwickeln in solch optimaler Umgebung strengster Askese.

 

     ruelfig²



Aussicht auf Heilung

   07.08.2009, 23:49 / 1 x geändert



Hallo Gretchen, glaub mir, du hälst deinen inneren Bleistift stets bereit, du musst nur loslassen. Und jetzt bitte ich dich: lass doch eine Fortsetzung zu meinem Tagebucheintrag los. Los, du kannst das! Ich kann das nämlich nicht so gut, Fortsetzungen blockieren mich, das ist so, als säße ich nicht mehr zentriert in der Pyramide. Du hast alle nötigen Informationen schon parat, also los, schwing dich auf. Sei Gisela, Dieter oder wer auch sonst, du bist frei. Frei! Ich schwöre, schreibst du Fortsetzung, schreib ich Fortsetzung dazu. Ehrlisch! Oder schreibst du Ratgeber.
Freut mich, dass es dir erneut gefällt (du kanntest es ja schon woannersher).
Hallo Jolante,
jetzt wieder der Atem fließt ein, der Atem fließt aus und zurück zur Mitte, Sidestep, zwo drei vier und Vorschwung. Halt das Gefühl ganz fest, des Gerissenseins aus der Trägheitsphase, es trägt dich und wer weiß, wo wir alle landen, aber bis dahin eine erleuchtende Reise. Schön, dass es ankommt.
Hello ear,
thanks for replying. How's life under sharia law? I'm afraid you'll need a swift pope (pun intended).
Danke der Nachfrage, das Lichtwesen (wir haben es getauft auf den schönen Namen: Jessas du nervst) hat gerade die erste Trotzphase hinter sich, Gisela hat eine postastrale Depression und ich übe mich im Barfußdenken. Sonst alles prima.
Liebe Grüße euch,
ruelfig

 

     ear



Aussicht auf Heilung

   08.08.2009, 09:01 / 1 x geändert



Am besten frag Rowan danach.Ach ruelfig,fuer dich als Mann waere es einfach:
um Abwechselung zu haben, nur dreimal mit rufen: aber bitte kein 'Sesam oeffne dich', sondern
'I divorce you' und es wuerde rechtskraeftig; Email taete es auch.
Am besten aber warte, bis die postastrale Geschichte vorbei ist und Jessas du nervst durch einige seiner Trotzphasen unterkuehlt ist. Fenchel Tee kombiniert mit Rizinusoel soll ganz wirksam sein.
Warte mit deiner Abwechselung noch etwas laenger: ein zweites Lichtwesen zur Unterhaltung von Jesses du nervst waere wohl die beste Loesung.

 

     zuppanova



guter rat (for free)

   09.08.2009, 00:19



ruelfig, mit einer postastralen depression ist aber fei nicht zu spaßen!

wird sie nicht ordentlich behandelt, kann sich der ätherleib nachhaltig verdunkeln, na, und dann - gute nacht; das heißt lebenslange einnahme trizyklischer antigravidiva, und die verheerenden nebenwirkungen dieser schwermutsblocker sind ja bekannt: brady- oder tachykardien, müdigkeit, schlafstörungen, sehstörungen, kopfschmerzen, übelkeit, erbrechen, schwindel, mundtrockenheit oder vermehrter speichelfluß, verstopfung oder durchfall, hitzewallungen, frieren, blutdruckschwankungen, erektionsstörungen, nachlassen des sexuellen verlangens, gewichtszunahme ...
neueste forschungen belegen, dass die PaD reaktiv ist und ausgelöst wird durch hausstaub (kontaktallergie!), schmutzwäsche (schon der anblick eines wäscheberges kann einen schub verursachen!) und die allgemeine entropie ("zerfall").
ich rate also dringend, ein gründliches raum-clearing vorzunehmen, kombiniert mit ritualwaschungen. das ist gar nicht so schwierig, wie es sich vielleicht anhört, zumal man in guten fachgeschäften inzwischen auch hier in westeuropa die benötigten hilfsmittel erwerben kann, oft sogar zu richtigen schnäppchenpreisen (siehe bild 1 und bild 2). außerdem ist es günstig, im freien einen kleinen hausaltar zu errichten, und dort bei plötzlich auftretenden entropisch bedingten angstattacken der großen göttin ein atemopfer zu bringen (siehe bild 3).

glaub mir, ich weiß, wovon ich spreche, denn ich bin diplom-lumenologin, zertifizierte äthertherapeutin und staatlich geprüfte astralologistin, und gerade im postastralischen bereich liegt mein erfahrungsschwerpunkt. stell also das barfußdenken erst mal zurück und fang SOFORT mit dem raum-clearing an!

ich hoffe, du nimmst mir meine offenen worte nicht übel, aber GISELA BRAUCHT DICH JETZT!

in spiritueller solidarität und sorge (auch als frau): zuppa.
möge die große göttin mit dir sein!

 

     ruelfig²



Aussicht auf Heilung

   21.08.2009, 22:21



Hello ear,
Rowan's a real catweazle, unbelievable. You surely know Pat Condell.
Das mit dem Rizinus hat funktioniert, der Kleine scheißt sich prima ein. Wir haben ihm auch ein Schwesterlein spendiert, Eischa. Leider wurde sie schon im Alter von neun Tagen heiratsfähig und sucht seitdem nach einem geeigneten Cousin. Liegt wohl an der spirituellen Hitze, die wir produzieren.
Hallo Zuppanova,
ich liebe Ferndiagnosen via Internet und deine rangiert ganz oben. So betroffen war ich nie und habe natürlich sofort alle deine Ratschläginnen befolgt. Noch ist Gisela gewichtszunehmend, aber zunehmend bin ich der guten Hoffnung, dass mit Eischa alles besser wird. So konnte ich bereits die Einnahme der Antientropieva einstellen und befinde mich im Tal der Bachblütereien. Glaub mir, die Räume sind gecleared und Gisela hat mich genau da, wo ich sie brauche. Mensch, sowas brauch ich grade auch als schwacher Mann (als solcher entschuldige ich mich hiermit für die Frauenunterdrückung, Hexenverbrennung, Kreuzzüge, Sklavenhaltung und die Erfindung der Penetration, besonders bei den weiblichen Opfern, den Schwulen und den Transen).
Bevor aus mir noch ein Mensch wird, steht mir ein langer Weg durch das Tal der Tränendrüsen bevor.
Zerknirschte Grüße,
El Ruelf

 

Aussicht auf Heilung




  SYNEKDOCHE.DE
~ Startseite
kafkaesk
~ Neue Beiträge
~ Beiträge suchen
Literatur
~ Prosa
~ Gedichte
~ Diskussionen
~ Literaturwissenschaft
Literatur
~ Impressum

  Online

  Lesungen

  Aktuelle Themen

Climax

Glück ^^ Meine schönsten Aporismen !!!!!!!

synekdoche.de

Zwei Gedichte

"muget ir ..."

Frühstück

i-Bildungen

Literarische Gesellschaft

zukunftsangst

Sprichwörter Golgostans

Mock (10)

An den @minz

°-+#? §<^~

2zeilenTiere + Konsorten

Fahr Bus und Bahn, komm später an

in die nacht

An einem Dienstag im Mai

Wo Worte angekommen sind

Gedicht aus dem 19. Jahrhundert

Der Musik Laden Faden II