dia tse pam (pen'zoo) · Marcel Frank · Differenz

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     Marcel Frank



dia tse pam (pen'zoo)

   13.01.2009, 00:23



dia tse pam (pen'zoo)

weißer philosoph: lao tse
snow-zen unter kirsch
baumblüten & jasmin

bai an xi'e ti: kao tse
pam-not unter zen mi li
grambrüten & spleen

blood brain barrier's hang
lose osmose of filou so
sphere area (zen k.o.)

 

     augustine



dia tse pam (pen'zoo)

   15.01.2009, 14:55 / 3 x geändert



Ich schreib' mal auf, was ich rausgerätselt habe - anderen wird mehr einfallen bei diesem auf Ostasiatisch gebürsteten Textlein ...

benzodiazepam [Markenname: Valium; hatte mal den Werbespruch: "Die Sonnenbrille für die Seele"]

weiser philosoph: lao tse (siehe Brecht: Taoteking)
Schnauzen (?) unter Kirschbaumblüten und Jasmin

bei anxiety: k.o. zepam nicht unter 10 Milligramm [ist natürlich ein höchst unangenehmer Zustand; aber k.o. macht die Substanz nicht].........................

der Blut-Gehirn-Schranke hanglose(?) Osmose der Philosophie.................


den Sinn habe ich nur punktuell gefunden, aber wird schon da sein, und ich habe ihn eben nicht gefunden. Finde aber auch, man tut der Mitteilung von Sinn wenig Sinnvolles, wenn man den Sinn zuvor bis zur erscheinenden Sinnlosigkeit zerhackt.
Kann aber auch sein, mir fehlt für diese Art der Lyrik "von jetzt" (für mein Empfinden steckt da drin eine Abwertung aller sonst "jetzt" geschriebenen Lyrik) - kann also sein, mir fehlt einfach dafür der Humor oder was weiß ich.
augustine

War aber Anlass für mich, den Faden zu Elises speak sense nochmal zu lesen.

 

     Elise



dia tse pam (pen'zoo)

   15.01.2009, 19:36



Hallo, Marcel und augustine!

Was mich betrifft, so las und lese ich diesen Text gern, habe Freude daran, die hier verwendete "Eigensprache" zu übersetzen - was übrigens gar nicht so schwierig ist, wenn man sich auf den spielerischen Umgang mit dem "Material" erst einmal eingelassen hat.
Nur ein Detail als Beispiel:

Schnauzen (?) unter Kirschbaumblüten und Jasmin (Zitat augustine)

Hier lese ich so:

snow-zen -> von to snooze = engl. für schlummern, dösen -> hier also unter kirsch / baumblüten & jasmin schlummern

Dies passt zum Thema des Gedichtes (Frage: "wie Schlaf finden?" -> Antwort: pen'zoo -> "wenn es anders nicht geht, dann penn' eben so", nämlich mit Hilfe von Diazepam, i.e. benzo) und trägt konsequent zu dem hier eingesetzten stilistischen Duktus bei, mehrere Ebenen von Bedeutung nicht nur über Metaphern, sondern auch über das Spiel mit dem Lautlichen quasi assoziativ zu installieren.

Wiederum ein Beispiel: Die lautliche Verschiebung von snoozing zu snow-zen fügt hinzu die Assoziation an snow, "Schnee", also Kokain, stellt damit einerseits den Zusammenhang zum bereits eingeführten Zen-Buddhismus als Inbegriff angstfreier Gelassenheit her und spielt andererseits auch mit der Mengenangabe zehn Milligramm, was später im Text aufgenommen wird.
Im Titel ist benzo zu pen'zoo verschoben, und so denke ich nicht nur an Diazepam, Angst und Schlafprobleme (pennen bzw. penn' so als Imperativ), sondern auch noch an pen, pencil, Stift, schreiben, und frage mich, ob dieser Text vielleicht als ein selbstreferentieller verstanden werden möchte, zudem denke ich auch an das Wort Zoo und überlege, wie der Zoo zum Schreiben passen könnte (Buchmarktszene, Profilierungssucht ...?) ... und passt das Koksen zum Schreiben ("Schnee" inspiriert?) ... ?

Um einen "geschichteten" Text wie diesen zu machen, so ist meine eigene Erfahrung, ist es nötig, über einen guten Wortschatzfundus zu verfügen (in mehreren Sprachen), außerdem muss man beweglich sein und präzise zugleich, auch sollte man sich von epigonenhaftem Streben frei gemacht haben.

Eine Abwertung aller sonst "jetzt" geschriebenen Lyrik? Ich weiß nicht. Mag sein. Aber: Wertet nicht alles, was eigenwillig(er), mutig(er) und originell(er) ist, die Norm irgendwie ab?

Mit Grüßen, Elise

 

     Jolante



dia tse pam (pen'zoo)

   15.01.2009, 20:10 / 1 x geändert



Marcel, ich kann deinem Gedicht einiges abgewinnen (vielleicht aus eigener Betroffenheit) und finde die raffinierte Mach-Art recht interessant. Elises Kommentar deckt sich weitgehend mit dem, was ich aus dem Text herauszulesen glaube. Wobei ich bei pen zoo weder an Pencil noch an Zoo denke, sondern zunächst mal an den vollständigen Namen des Medikaments "Benzodiazepam", bei dem ich -es ist ja mit 10 mg ein starkes Beruhigungsmittel- vor allem an "pennen" denke. Auch grambrüten & spleen verweisen auf halluzigene Drogen (Schnee).

Es grüßt Jolante

 

     Pega Mund



dia tse pam (pen'zoo)

   16.01.2009, 08:13



ohyeah, als erste wollt ich nicht schreiben, aber gezz, so als vierte, happich mal keine hemmung mehr.
also, meine leseversuchsergebnisse:

>> dreimaldrei (verse) macht neun (verse) plus 1 (titelzeile) macht 10 = zehn = zen = tse’n undso, woll?

>> vom dia tse zum lao tse zum kao tse zum zen k.o. ist eine feine lautbewegung, welche das Gretchen geleitet vom titel durch die drei sinneinheitspäckchen bis zum letzten wort. so eine rote-faden-konstruktion gibt der lesenden sicherheit und dem text struktur, ne?

>> der philosoph von zeile 1 versteckt sich in zeile 8/9 hinterm filou so / sphere - oder? und er ist weiß statt weise, weil auch der schnee, das pulver und die verdammten kirschblüten nicht weise sind, sondern weiß, ist es nicht so?

>> die blut-hirn-schranke ist hang, also eng, aber via osmose geht zwanglos(e) doch einiges ...

>> sehr einnehmend find ich die assonantische parallelschaltung der jeweils dritten zeile in strophe 1 und strophe 2:
baumblüten & jasmin korrespondiert genial mit grambrüten & spleen, und zwar nicht nur klanglich, sondern auch im sinne einer these (baumblüten, jasmin, philosophie des zen, inneres gleichgewicht) - antithese (anxiety, unruhe, angst, gram, düsteres brüten, spleen) - konstellation, welche klassisch und folgerichtig aufgelöst wird in strophe 3 ("synthese") mit dem erreichen der zenphilosophischen erleuchtungsruhe durch osmotisches einschleusen hilfreicher chemikalien ins grüblerhirn und somit einstweilige befriedung dieses krisengebietes durch zen k.o. - ja!

>> man könnte ja behaupten, da sei ganz viel ironie im spiel, aber ich finde den text gar nicht mal so ironisch. er beschreibt doch eig. was sehr quälendes, und könnte auch sein, er ist so "zerhackt", weil dadurch in der sprache, mit der sprache ("formal") das nachgeahmt wird, wovon der text erzählt. oder könnte sein, der text ist zerhackt, weil er eine bewegung spiegelt bzw. übertreibend nachäfft, weil er gekonnt etwas ergreift, umsetzt und dadurch ins bewusstsein bringt, was gerade stattfindet, ich meine das, worüber schon manchmal hier im forum in zusammenhang mit denglisch diskutiert wurde, diese sprachglobalisierung, die evtl. eine sprachverarmung ist, eine monokulti[v|s]ierung des sprechens und damit auch des denkens!?

naja, also ich geb mal mindestens achteinhalb von tsen mi-li-grammy's.

Kröta

 

     Jolante



dia tse pam (pen'zoo)

   16.01.2009, 18:42



Donnawörta, Kröta,

dein Kommentar hat was. Ich bin fast ein bisschen neidisch, dass ich den originell verschlüsselten und schlüssig verdichteten Text nicht so gut analysieren konnte wie du. Da freut sich auch ein schnupfendes Tantchen über weiß-weisen Wörter-Schnee.

Jolante

 

     Pega Mund



Dank sei Walter Moers und seinen Drogen!

   17.01.2009, 16:15 / 1 x geändert



Also, ich sag mal so, Jolante:

DROGEN sind ja heutzutage dermaßen in aller Munde, dass andere große Suchtthemen wie SEX und MODE ihnen kaum mehr das Wasser reichen können, so öffentlichkeitswirksamstechnisch. Und insofern, übrigens, ist es auch mehr als an der Zeit, sie (die Drogen) lyrisch zu verarbeiten -> dia tse pam (pen'zoo).

Ich persönlich hab mich schon immer gern mit Drogen beschäftigt, happ auch dieses große Werk des in einschlägigen Kreisen ziemlich bekannten und in ernsthaften Kreisen ziemlich umstrittenen Volks-Rat-Gebers Walter Moers gelesen (Schöner leben mit dem kleinen Arschloch: Ein umfassender Ratgeber für alle Aspekte modernen menschlichen Daseins. Unter besonderer Berücksichtigung von Sex, Drogen und Alkohol / Eichborn 1992), das seit Anfang der neunziger Jahre Gemüter erregt, weil es - den letzten Tabus rücksichtslos die Hüllen runterreißend - alle verbliebenen Restetikettespielregeln ([z]er)bricht und der postmodern präpotenten Autistengesellschaft gnadenlos den Spiegel der Wahrheit in die Fresse drückt oderso ... na, jedenfalls wusste ich durch frühpubertäre Moerslektüre so viel über Drogen, dass ich selber nie welche nehmen musste, und jetzt hat mir dieses Wissen womöglich auch bei der Gedichtanalyse hier geholfen.
Ich zitier mal bisschen was:

"Haschisch ist keine Droge, sondern ein homöopathisches Mittel, das einer Dämonisierungskampagne zum Opfer gefallen ist. Unter Haschischeinfluss dehnt sich das Raum-Zeit-Kontinuum um 500 Prozent, d. h., man kann bei konsequentem Haschischkonsum 400 Jahre alt werden, mehr als bei jeder anderen Droge."

"Sind Sie lebensmüde, aber zu feige zum Sterben? Dann dürfte Heroin genau das richtige für Sie sein. Ein Heroinkick gibt Ihnen all die Liebe, die Sie von Ihrer Stiefmutter nicht bekommen haben. Das ist wie während eines multiplen Orgasmussees zu erfahren, dass man den Nobelpreis verliehen bekommt. Sie müssen als Gegenleistung nur gelegentlich ein paar gelähmte alte Damen niederstrecken und ausrauben oder Ihr Geschlecht in einer übelbeleumdeten Bahnhofsgegend einer Meute von Randexistenzen feilbieten.
Wenn Ihnen das zu anstrengend ist, können Sie ja ein paar Heroinverherrlichungsschallplatten aufnehmen, die gehen immer wie geschnitten Brot. Reich, fett und nach einer Frischzellenkur von der Droge geheilt, können Sie dann eine Heroinverdammungsschallplatte aufnehmen, die laufen noch besser und werden kostenlos vom Gesundheitsministerium mit farbigen Broschüren unterstützt."

"Für Valium, Captagon, Valeron, Codein und ähnliche pharmazeutische Erzeugnisse gilt, was für alle halbwegs legal erwerbbaren Drogen gilt: Finger weg, das ist was für Spießer. Wie kann etwas Spaß machen, das der Hausarzt verschreibt? Es sei denn, Sie klauen die Pillen. Das ist dann wieder cool."


Und gleich schreib ich noch was bei den Lektüren über Moers (kommt mir grad so, dass ich das machen könnt).

Gretchen grüßt und wünscht nen schicken Sams- und Sonntag.
(Und nicht zu viel schnupfen, Jolanta mi Tanta!)

 

dia tse pam (pen'zoo)




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