U-Bahnhof Friesenplatz · Vladimir · Hexameter

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     Vladimir



U-Bahnhof Friesenplatz

   07.01.2009, 21:23 / 2 x geändert



U-Bahnhof Friesenplatz. Zwischendeck: schwarzes Geländer, zerkratzt leicht:
eine lehnt dran, durchaus hübsch, junges Gesicht, glattes Haar,
dunkel gekleidet, Grautöne, passend zum Winter; die Hände
schlabbern nicht rum, sind ganz da - unbewusst trotzdem; der Blick
glasig nicht ganz, nicht ganz leer, liegt, wartend vielleicht, grade, still im
vielfach durchkreuzten Raum. Doch: hübsch. Eine Assonanz fehlt
aber zur Schönheit, es bleibt etwas angenommenes daran, sie
trägt es nur, trägt die Idee vieler - und diese ist schön,
reizvoll zumal, Geist gewordenes Sehnen - und wieder verkörpert,
immer in Variation. Auch die Verschiebung ist schön
einzelner am Ideal - vielmehr: Riss, durch den Schönheit erst durchdringt
- so ist dies Gleichgewicht, das sie zwischen innerem hält,
unsichtbar wirkendem, Grenzarbeit leistendem, und diesem Außen,
das wie ein Innen wirkt - weit, glättend, verletzlich beruhigt -
Riss. Durch geschichtetes bricht solche Schönheit, geschichtet Sein zwischen
anderen, Frontcovern, Lust, Sehnsucht, der eigenen Haut.
Und sie bricht immer, sie lässt sich nicht zudecken, Gott liebt uns doch - nur
eigentlich strahlt' sie, durchstrahlt' Körper und Geist und in eins
fasst' sie selbst aufgesetztes und tanzt' mit dem Raum - selbst in Trauer,
leise und in sich gekehrt. Nicht so, verschachtelter: sie,
spiegelnd zuviel was nicht ihrs ist, außen - vielleicht dann auch innen.
Trotzdem der Blick: durch mich durch, "glasig nicht ganz, nicht ganz leer"...

 

     augustine



U-Bahnhof Friesenplatz

   24.01.2009, 20:32



Lieber Vladimir,
nein, ich hab' dies Hexameter-Gedicht nicht vergessen!
Aber hier angemessen zu antworten, geht ja nicht mal eben so.

Also:
Ob dieser bestimmte, namentlich genannte U-Bahnhof an sich wichtig ist, weiß ich nicht, aber von diesem Namen aus der Realität, von diesem Sehen in der Realität stößt sich eine Reflexion ab, die ins Philosophische geht, zwischen Blick / glasig nicht ganz, nicht ganz leer und wiederum Blick am Schluss, dessen Beobachtung noch einmal genannt, direkt mit Zeichen zitiert wird.

Ich denke, es geht um das, was 'schön' mehr ist als 'hübsch'.

Da ist eine junge Frau. Du beschreibst sie (wobei das "schlabbern nicht rum" zu der feierlichen Form des Gedichts mir wirklich nicht passend erscheint). Ihr Blick ist still, aber fixiert nichts in dem vielfach durchkreuzten Raum eines Bahnhofs, so dass sie vielleicht gar nicht auf jemand wartet. Ein Mensch, hübsch, aber unbewusst.
Diese Beobachtung löst die Reflexion aus: Was ist 'schön' mehr als 'hübsch'. Du versuchst es mit dem Negativen, das für das Schöne nicht gälte: da ist wäre nichts angenommenes, nichts bloß (an Kleidung, an Aufmachung, an Make-up!) Getragenes, weil es gerade Mode ist - aber hier, scheint mir, liegt der Übergang zu dem Versuch über die Schönheit: Denn hinter der Mode liegt natürlich eine Idee, und die Idee ist (oder vielleicht nur: kann sein) schön, sucht das Schöne, das Ideal, aber gerade, weil es ein Ideal ist, ist es zwar (jedenfalls nach Plato) das eigentlich Seiende, aber in der Realität kaum zu Findende. (Aber hast du das gemeint?? Unterscheidest du Ideal und Idee, und wenn ja, wie? Aus den beiden Sätzen, in denen die Worte vorkommen, wird mir das nicht klar.)

Jedenfalls glaube ich zu verstehen: Schönheit ist innen, und die Verbindung zwischen solchem Innen und dem Außen ist ein Riss (kommt mir als Wort zu scharf vor, sonst aber 'gut'), durch den - von außen her - manchmal das Schöne des Inneren spürbar, vielleicht sogar sichtbar wird.
Gott liebt uns doch - was aber soll dies hier?
Ich hänge also zwischen der (meiner) Vorstellung von der Idee des Schönen, die mit der Mode (unzulänglich) transportiert wird, aber von außen nach innen, und da hinein durch einen Riss, aber auch von dort wieder nach draußen durch einen Riss. ('Grenzarbeit leisten' - egal jetzt, ob ich es nun verstanden habe, wie du es meinstest, ist ein großartiger Ausdruck; auch der vom 'Geist gewordenen Sehnen.)
Aber: dass die Schönheit eigentlich doch nicht zu fassen ist, sagen mir die vier Konjunktive und dann verstärkter noch die Selbsteinrede: nein, so sei es nicht, verschachtelter.

Ich bin SEHR gespannt auf deine Antwort!
augustine
_______
Ein eigenes Wort noch am Schluss: hübsch sind viele; Schönheit ist selten, und, ja, darin ist für mich etwas - Transzendentes, Geistiges, eben dadurch auch Erschreckendes. Ich meine nicht die Miss-Irgendwoher-Schönheit, nicht die Model-Schönheit (die also so auch nicht genannt werden dürften), sondern was ich oben versucht habe zu benennen. Ganz selten sieht man so jemanden. Das trifft mich dann ziemlich ins Innerste. Wie lebt jemand mit seiner eigenen Schönheit? Erkennt sie (es sind wohl immer Frauen; auch noch eine Frage dabei) sich gar nicht als eine, in der der Geist (Gott, "Gott"), die Transzendenz, durchscheint?
(Übrigens auch das Gegenteil. Es gibt wenige Menschen, die wirklich hässlich sind. Einmal habe ich zwei solche gesehen, Hand in Hand, einfach hier mit Tüten vom shopping. Sie haben einander ja gefunden. Aber die Verdoppelung war - schrecklich.)


 

     Butenlänner



U-Bahnhof Friesenplatz

   13.12.2013, 20:35



Hi,
ich gestatte mir einige Anmerkungen zur Form- Technik.

U-Bahnhof Friesenplatz./ Zwischendeck:/ schwarzes Geländer, / zerkratzt leicht:




Im ersten Vers wäre ein komplett daktylischer Fluss von Vorteil, die Zäsuren sollten im Versfuß sitzen, nicht am Versfuß.

XxxXxxXxxXxxXxxXx

Du hast gleich im ersten Vers 3 Wörter die eine schwache "Betonungsqualität" aufweisen, welche sogleich einen ersten Geschmack vermitteln.

-U-Bahnhof
XxX
XXx
Xxx

----------------------------------------------------
-Friesenplatz
XxX
Xxx

Versuch:

der Friesenplatz, sauber und schön ist er

Friesenplatz, wir halten!
----------------------------------------------------

-Zwischendeck:

Diese Begriffe kann man durchaus im Hexa benutzen, wichtig hierbei sind stark betonte Silben nach der dritten Wortsilbe der genannten Wörter, folgt ein starker Trochäus, wird so ein Wort eher zum Daktylus, folgt ein starker Jambus, dann wird diese Silbe eher betont! Aber: Folgt eine Art Aufzählung solcher Begriffe, dann behalten derlei Wörter ihren "Betonungscharkter", als würde man sie für sich alleine lesen.
Zwischendeck, U-Bahnhof, Schiffsverkehr, Bahnsteiggleis, Krankenhaus, Nettomarkt, ich kann sie nicht mehr.....

Die Grundstruktur deines Werkes ist Hexa.

mfg

Butenlänners

 

U-Bahnhof Friesenplatz




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