augustine
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21.12.2008, 17:50 / 4 x geändert
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CARMEN MANU SCRIPTUM
Wie hin und wieder in ruhig liegende schon angeeiste Blätter im Herbst
plötzlich ein wärmerer Wind fährt
und sie eine leer scheinende Straße entlang verbläst,
eh' eine bewahrende Nische einige sammelt –
so werden auch manchmal scheinbar schon abgestorbene Worte
von einem Anwehn des Geistes bewegt
und klingen wieder
und fügen sich neu.
Unerwartet siehst du dich einen Satz auf Papier schreiben.
Erst kommt er dir fremd vor und so nicht mehr sagbar. Aber:
Mit dem kommst du weiter, das merkst du sogleich.
Noch fehlt ein Wort,
das du nicht finden kannst.
So lass ihm die Lücke offen.
Es findet von selber sich ein.
Glaub' auch, dass aus den Wörtern auf Blättern
von den Gedanken gerade vergangener Tage
welche erscheinen dürfen
und sich verbinden mit früher gewesenen,
in Nischen bewahrt, nicht vergangen.
Zu zwingen aber ist gar nichts. –
Ist es Nacht, dann steh auf und schreib einen Einfall auf.
Es kann sein, er kam aus der Tiefe,
und solches Erinnern verfällt leicht.
Am Tag wirst du prüfen und wägen,
verwerfen und schon Verworfenes doch wieder wollen,
versuchen und streichen, drüber und drunter schreiben.
Lass Räume frei auch für Verse
die bisher nicht da sind.
Und einzelne Wörter, wie sie dir kommen,
notiere am Rand.
Du wirst sie wahrscheinlich brauchen
und dann von selbst wissen, wo.
Leg ihn weg, den Entwurf, aber nicht weit.
Er atmet dich an, und fehlende Wörter fallen
dann in dich hinein oder springen
vom Rand in die Lücke.
Und alles noch einmal neu schreiben,
solange du selbst es auflesen kannst,
für ein neues Drunter und Drüber.
Denn du streichst immer wieder.
Aber: ziemlich vertraut ist es nun schon.
und du spürst, worauf das alles hinaus will,
warum überhaupt du hast schreiben müssen und
hast längst das Metrum gefunden, den Rhythmus, das Maß.
Irgendwann ist es klar:
Dies kann jetzt besser nicht werden.
Was ein geistiger Wind zu dir geweht hat, die Worte und Zeichen,
hast du genommen,
bedacht, verändert, geschliffen, geglättet.
Nun ist es deins.
Nun kannst du's entlassen.
augustine
Der jetzt letzte Satz ist ein edit, eine direkte Folge des Lesens von Vladimirs Kommentar.
Natürlich, du hast ja recht: der fehlte!!
edit 2: danke, Jolante, für den Hinweis auf ein 'e' zuviel; x-mal überlesen. a.

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Vladimir
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Hallo augustine,
wieder etwas zur Frage des "wie"... und daher in mir die Frage: was geschehen war, dass ein be-, ein sich heraus- und dann vielleicht wieder hineinschreiben aus der Schreibtätigkeit selber notwendig (?) wurde.
Ich bin der Meinung, dass dieses "wie" im Endeffekt gar nichts zählt. "Genialisches" einfach in einer einzigen hefigen Geburt, mühsames dran arbeiten, der Reihe nach oder fleckenweise - das alles sollte m.E. in der Bewertung, der Rezeption eines Textes ganz aus dem Blickfeld verschwinden.
Dabei ist die Beschäftigung mit dieser Frage dennoch eine mir irgendwo liebe - es ist doch spannend, man ist doch neugierig, wie diese seltsame Nahrung in uns eindringt und wie wir sie verwandelnd, sie rein zu halten suchend wieder hinausschreiben, zu einem "es" werden lassen. Und dieser Prozess, der an seinem Ende wieder ganz weggekürzt werden sollte - in dem kommt doch so etwas wie Reibungswärme zustande, von der man in deinem Text viel mitbekommt - und aber eben auch das nichtig-werden am Ende: ein paar Partizipien noch "bedacht, verändert, geschliffen, geglättet", die munter daherkommen, und dann auch verschwinden. Aber ist es dann "deins" - des Dichters? Meine Erfahrung ist umgekehrt; solange ich dran arbeite, ist es meins, danach - entweichts. Das ist ja auch eine eigenartige Erfahrung: dass Bach, nachdem er z.B. die Goldberg-Variationen geschrieben hatte, die für sich eigentlich schon mehr enthalten, als was in seinem eigenen kleinen Leben Platz hätte, dennoch diese hinter sich gelassen haben muss - und neues geschrieben; was ich damit meine: muss er nicht dafür die Goldberg-Variationen in gewissem Sinne "vergessen" haben - sie auf jeden Fall aus sich heraus gelassen, überlassen einem anderen? In ihm gelassen hätten sie doch alles neue verdrängt.
Ansonsten kann ich mich auch wenig identifizieren mit deinem Gedicht insofern, als der Weg vom "geistigen Weg" zum Text bei mir ein ganz anderer ist. Aber das soll wohl auch so sein - ich finde diese Unterschiede, die Tatsache, dass es so viele solcher Wege gibt in Menschen wie es Menschen gibt spricht eher für die Sache, als dagegen.
Und der Ton gefällt mir sehr.
Soweit meine (noch ganz frischen) Gedanken,
Vladimir

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augustine²
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21.12.2008, 21:15 / 2 x geändert
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Vladimir, du siehst: was du geschrieben hast, hat sofort die (Wieder-) Erkenntnis bewirkt über den Schluss, über den ich unsicher war.
Denn weißt du, was ja kaum glaubhaft ist, aber ich könnt es sogar beweisen (das Manuskript liegt noch hier): Sinngemäß stand der Satz schon da, und wirklich als letzter ("Du kannst es nun zeigen."). Ich hatte ihn gestrichen, weil ich dachte: wichtiger, als etwas zu zeigen, ist, dass es da ist. Wenn ich es aber doch hier zeige - und du von deinen Sachen einige hier zeigst -, dann habe ich/dann hast du die alleinige Verfügung darüber aufgegeben, und insofern, ja, ist es nicht mehr allein meins.
Du schreibst viel mehr. Auch bei mir entsteht nicht alles so, wie dies entstanden ist, aber es ist doch einigermaßen typisch. Ich sag' das mal, weil vielleicht andere auch einmal vom Prozess des Schreibens schreiben mögen. Seinen Ausgang hat's genommen von einem Foto, das fast einen Monat alt ist. Lange war nur eine sonderbare Sicherheit da, dass etwas werden könnte aus dem ersten Einfall. Gedichte schreib ich immer zuerst mit der Hand; alles andere sofort in den PC. Und dies Manuskript in der ersten korrigierbaren Fassung hab ich dann fast in einem Zug (nachts, wann sonst) geschrieben.
Liebe Grüße - und zu deinem Gedicht (wie schön, dass die sich hier begegnet sind) schreib ich noch, natürlich.
augustine

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Jolante
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Liebe augustine,
zu deinem Gedicht sage ich freudig JA, denn alles in mir signalisiert Zustimmung. Für diese formschöne Reflektion über das Schreiben danke ich dir, denn sie drückt poetisch aus, was auch mich zum und beim Schreiben bewegt. Du hast schöne Sprachbilder für die Beschreibung dieses Prozesses gefunden.
Es grüßt Jolante

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kirmesbollo
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22.12.2008, 15:11 / 1 x geändert
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hallo augustine,
auch ich kann den schaffensprozess wiederfinden, das neuordnen von bruchstücken, das du metaphorisch in laub gekleidet hast. dabei finde ich es interessant, dass sowohl die systematische auslese von blättern als mögliche lesart erscheint, als auch die willkür des windes. denn auch der zufall, die unvermittelte eingebung, mag so einem text den finalen schubs geben und plötzlich rastet das letzte, lange gesuchte teichen ein und dann ist es geschafft. vladimirs einwurf fand ich auch bezeichnend, mir geht es häufig ebenso, im prozess des schreibens ist der text meiner, sobald er (für mich) stimmig ist, kommt es vor, dass ich ihn lesen kann, als ob es das erste mal wäre, als hätte jemand anderes ihn verfasst. ja, treffliche reflektion, findet auch:
der kirmesbollo

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zuppanova
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Oh ja, markant ist das Einstiegsbild (und ich meine, ich hätt das Foto, von dem Du sprichst, augustine, gesehen ...) von den beeisten Blättern, von den scheinbar schon abgestorbenen Worten, die sich, angeweht, neu beleben, und gleich von Anfang an findet dieser Text sein Metrum, den Rhyrthmus, das Maß: den eigenen augustinischer Stil.
Auch ich kenne viele der hier beschriebenen "Bewegungen", die eine macht (machen muss?), wenn sie "den Text macht" - prüfen, wägen, verwerfen, doch wieder wollen, versuchen, streichen, drüber und drunter schreiben ... und auch das:
Irgendwann ist es klar:
Dies kann jetzt besser nicht werden.
Was ein geistiger Wind zu dir geweht hat, die Worte und Zeichen,
hast du genommen,
bedacht, verändert, geschliffen, geglättet.
Nun ist es deins.
Nun kannst du's entlassen.
Wie spannend wär es, diesen Schaffensprozess, den augustine hier in ihrem eigenen Ton schildert, auch in anderen Tönen, Tönungen, Tonarten zu lesen. Versteht Ihr, was ich meine?
Vllt. finde ich in den Hollandferientagen Zeit, es für mich einmal zu versuchen - dann stell ich's im Neuen Jahr herein.
Einstweilen schnellfliegende Grüße,
zuppa.

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augustine²
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Ich dank euch, Vladimir, Jolante, kirmesbollo und zuppa, für eure freundlichen und eindringlichen Kommentare!
Die Anregung von zuppa: was vom jeweils eigenen Schreibprozess zu schreiben, hat niemand aufgegriffen (sie auch nicht, leider, obwohl sie's wollte). Schade. Aber ich kann's auch andererseits verstehen: es sind ja doch sehr innere Abläufe, die da preisgegeben würden.
Liebe Grüße von augustine

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Gerd
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07.02.2009, 16:29 / 1 x geändert
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Liebe augustine,
wie gelungen dieser Übergang aus einem Augenblick, einer Momentaufnahme, der das große Tor öffnet für weit mehr - die eindringliche Beschreibung des Schaffensprozesses. Dieser ist mir sehr vertraut, das Umschreiben, ruhen lassen, Einspringen des fehlenden Wortes... Auch den Zeitpunkt wo etwas fertig und kurz ein Stück Selbst ist. Angedeuet ist die Distanz, die nach dem Schreiben entsteht. Im Freilassen keimt etwas neues äußerst faszinierendes - Metamorphose durch neu assozierte Bilder und Bedeutungen der verschiedenen Leser, die mehr entdecken und das "eigene" Wort so viel weitere Ausdehnung in Sinn und Gefühl erfährt.
Etwas zum eigenen Schaffenprozess zu verdichten, vermag ich im Moment nicht, doch etwas dazu sagen gerne. Ab hier wohl off-topic: Ich kenne Phasen innhalb der Entstehung, die für mich mit einem gewissen Grad von Euphorie verbunden sind. Eine kleine Gefühlsachterbahnfahrt, die mich unruhig werden lässt und vorantreibt - ich m u s s quasi schreiben. Ganz schrecklich empfinde ich dann, wenn ich nicht schreiben kann, weil es die äußeren Umstände nicht zulassen (übel aber ertragbar) oder weil ich außer Stande bin - Schreibblockade (unerträglich und deprimierend) - schlimme Sache.
Die vorgenannte Achterbahnfahrt habe ich einmal in einen Film, zugegeben etwas kitschig zwar aber nicht unzutreffend, umgesetzt gesehen. Es war in "Dr. Schiwago", eine Nacht an dem Schreibtisch, wo der Dichter das Schreiben gelernt hat, im Sommersitz der Familie in Juratinow. Er sitzt in dieser Eiswelt und schreibt. Die Filmmusik untermalt den Schaffenspozess sehr deutlich, das Suchen nach der Melodie der Verse, den Verlust des Rhythmus und wie er wieder aufgenommen und weitergeführt wird. Sehr plastisch auch die Unruhe der durchwachten Stunden.
Eine seltenere Variante meines Schreibens, ich will diese für mich als eine Art Flash bezeichnen, etwas ist plötzlich in Gänze da. Auf ein Blatt geschrieben und fertig, Korrekturen gehen gegen null. Hat etwas erruptives und ist so schnell vorbei, wie es kam, hinterlässt mich nur ein wenig atemlos. Hier vollzieht sich für mich die Distanz zum Geschriebenen schneller, wohl, weil ich weniger lange und intensiv damit gerungen habe.
Liebe Grüße
Gerd

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ear
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“Achterbahn” dieses eine Wort aus Gerds Beitrag loeste in mir eine Kette von Gedanken, eines zwei Jahre zurueckliegenden Ereignisses aus: der 'Celebration of Life', fuer einen beruehmten englischen, international bekannten Kuenstler.
Ich sehe das Bild vor mir,den totkranken Vater, der sich mit letzter Kraft ein Familienerlebnis ertrotzt, weil er weiss, dass ihm nur noch wenige Tage bleiben. Es wird gefilmt.Sein verzerrter Gesichtsausdruck, nur kurz entspannt, welcher die Fahrt spiegelt im Gegensatz zur erlebnisbereiten Jugend neben ihm. Dazu gehoeren die Geraeuschkulisse von Schreien,unterdrueckter Angst, Lachen gemischt mit Wortfetzen, Ueberlagerungen, Tempo und Rhythmus hoechster Geschwindigkeit im Wechsel mit sich verzoegernden Rubatos und der ganzen Breitseite der Dynamik.
Ich muss es erlebt haben, als Mitspieler, als Beobachter, oder als Zuhoerer. Nur dann kann ich einer Szene Leben verleihen.

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