Vom Himmel fliegen · augustine · Erzählungen

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     augustine



Vom Himmel fliegen

   26.11.2008, 19:28 / 7 x geändert



[...]

"Wie und wann Anja und Karsten beschlossen zu sterben, wissen wir nicht, wissen auch die Freunde nicht oder sagten es uns, ihren Lehrern, nicht. Warum allerdings hätten sie es denen sagen sollen, diesen alten Spießern, die wir doch allesamt für sie waren?"

[...]


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     kirmesbollo



Vom Himmel fliegen

   14.12.2008, 13:37



hallo augustine,
ein schülerschicksal aus der zeit, in der auch ich die schulbank gedrückt habe, alles in eher dokumentarischer sprache und doch, oder gerade wegen des immer ein wenig mitschwingenden pädagogenjargons nicht mühsam zu lesen, zeitweise wähnt man sich eine schülerakte lesend. dabei gibt es eigentlich nicht viel, was man nicht schon kennt, die vereinsamung eines individuums, das im prozess der selbstfindung kein verständnis findet und vor die hunde geht, unbemerkt von familie und schulsystem. das alles kommt überwiegend protokollarisch daher und liest sich wie aus dem nähkästchen der klassenlehrerin. nach der lektüre hab ich mich gefragt, was dieser text eigentlich will und ob da erlebtes zugrunde liegt. dass man ihm bis zum schluss folgt liegt sicherlich daran, dass er gänzlich unsentimental daherkommt und keine betroffenheit einfordert. die verschiedenen stationen des „problemkindes“ auf der suche nach identität sind plausibel und sind sicher so, oder ähnlich heute an der tagesordnung, inklusive der flucht in die welt der „uppers und downers“. wenn die realität nichts brauchbares hergibt ist der griff in den giftschrank eine naheliegende alternative. einzig dieser abschnitt in der abstiegsgeschichte von karsten scheint mir zu unvermittelt und abrupt. wenn ich den text als reine „unterhaltungsprosa“ lese mag das ein kritikpunkt sein. ein anderer ist die zeit in der er angesiedelt ist, dadurch wirkt die problematik ein wenig „retro“, da heute ganz andere geschütze aufgefahren werden, so wirkt „vom himmel fliegen“ ein wenig wie eine art „christiane f.“-dokumentation, die einzwei dekaden zu spät erscheint. falls es sich um ein tatsächliches schicksal handelt, das erinnert und retrospektiv verfasst ist, läuft die kritik natürlich ins leere.
soviel an gedanken erstmal von mir, lieben gruß vom verschnupften bollo

 

     augustine²



Vom Himmel fliegen

   14.12.2008, 16:43 / 2 x geändert



Dank dir, bollo, dass du's auf dich genommen hast, hier den ersten Kommentar zu schreiben.
Ich möchte doch einige Dinge sagen, damit sich andere, die möglicherweise hierzu schreiben möchten, nicht damit rumschlagen müssen.
1) Die Geschichte ist in allem Wesentlichen so passiert wie erzählt - oder meinetwegen: berichtet; für den Teil am Nachbargymnasium nur nach Berichten von dort, natürlich.
2) Dass dir als Jüngerem so etwas als "retro" vorkommt, nehm ich zur Kenntnis. Und dass ich weiß, dass heute in Schulen ganz andere Sachen abgehen; dass ich es weiß, steht in der Geschichte selbst auch. Für Mitte der 80er Jahre war aber das, was wirklich in der Schülerakte stand, schon sehr heftig. - Christiane F., das war schon noch ein paar Jahre davor; ist das für dich vorvorgestern? - Ist der Werther in der Steinzeit und man ist dadurch dispensiert davon, sich damit zu befassen?
3) Ich habe die Geschichte nicht gleich aufgeschrieben; aus verständlichen Gründen musste da erst einmal Zeit vergehen. Ich bin auch ziemlich sicher, dass eine erste Fassung erst entstehen konnte, als ich gewöhnt war, Erkenntnisse z. B. in Archiven zu gewinnen, also auch den Lebenskreis Schule verlassen hatte.
4) Dass sich unsere Schule durchaus gekümmert hat, steht doch auch in der Geschichte. (Nun könnte sich eine ganze Diskussion anschließen über das, was Schule soll und muss und kann, aber dies hier ist nicht der Rahmen dafür.)

5) Mir ist diese Geschichte manchmal durch den Anblick des Hochhauses wieder sehr gegenwärtig. Ich wohne inzwischen in der Nähe und fahre da nicht selten vorbei. Es sind 4 Hochhäuser, und welches es war, weiß ich nicht. Trotzdem ... (ganz unliterarische persönliche Bemerkung).

Soviel erstmal als ziemlich sofortige Antwort.
Sei gegrüßt! augustine

 

     Jolante



Vom Himmel fliegen

   16.12.2008, 12:51 / 4 x geändert



Dass die ehemalige Lehrerin von Karsten diese Geschichte aus ihrer Erinnerung erzählt, ergibt sich klar aus dem letzten Satz des zweiten Absatzes: "Körperliche Gewalt gab es an Gymnasien noch nicht, verbale aufzufangen war nicht allzu schwierig." Sie erzählt diese Geschichte in einem kühlen Ton und hält sich mit persönlicher Wertung des schwierigen Verhaltens von Karsten zurück. Gerade durch die zeitliche und emotionale Distanz gewinnt die Erzählung für mich an Dichte und Glaubwürdigkeit. Und sie macht deutlich, dass die heutigen Zustände an Schulen eine lange Vorgeschichte haben, bedingt durch massive gesellschaftliche Umwälzungen, die bereits in den 60er-Jahren begannen. Deshalb finde ich diese Geschichte auch heute noch aktuell. Ihre Stärke liegt für mich aber in ihrer literarischen Qualität. Das mag sich beim flüchtigen Lesen vielleicht nicht sofort erschließen, beim zweiten, gründlichen Lesen aber schon. Das Schicksal von Karsten und Anja, ihre Unfähigkeit sich gesellschaftlichen Anforderungen anzupassen, ihre Sucht nach Glück, das sie im gemeinsamen Tod zu finden glaubten, macht (mich) betroffen, auch heute noch.

Es grüßt Jolante

 

     Städter



Vom Himmel fliegen

   07.11.2011, 18:53 / 2 x geändert



Ich habe die Geschichte sehr aufmerksam gelesen, danke für den Schubs auf der anderen Ebene, augustine.

Den Gedanken von kirmesbollo kann ich mich nur anschließen, klar.
Trotzdem muss ich sagen, (ich halte diese Geschichte für eine Deiner Besten) ist mir das Motiv des Sprungs zu blass, nicht präzise genug erklärt. Bei der Art Deiner Erzählweise bietet sich doch an, quer durch die Story, ein paar Stolpersteine zu legen auf denen steht: «Einsamkeit, Aussichtslosigkeit, fehlende Liebe, Enttäuschung, nicht vorhandene Vorbilder, gehasste Lehrer/innen» u.s.w und zwar vom Protagonisten selbst begründet oder auch von Anja. Da wäre dann die Sprache der Kinder gefragt, denn das sind sie ja noch. Dieses „Warum?“ zu erklären, (der Titel verpflichtet), aus der Sichtweise der jungen Leute eben, ist für mich als Leser und auch als Aufruf zur Aufmerksamkeit, nicht genau genug gezeichnet.

Hinweise wie z.Bsp. dieser:

Zitat:
Man könne doch keine Kinder in diese Welt setzen. Schon die Muttermilch sei ja verseucht…
, sind mir zu knapp.

Auch würde ich über diesen Teil, die Mutmaßungen der Erzählerin, noch mal nachdenken. Sie beschädigen ihre sonst so souveräne Art.:
Zitat:
Gut vorstellbar, dass heutzutage Vater und Sohn Neonazis wären, kahlgeschorene Ausländerhasser mit Fliegerstiefeln. Die jedenfalls hatten sie bereits. Vielleicht hatten sie auch die Gesinnung schon, wagten nur noch nicht, die Klappen aufzureißen. Der Vater schien zu den 10% der Bevölkerung zu gehören, die intellektuell als nicht sozialisierbar gelten müssen.


Auch dieser Teil:

Zitat:
Mit dem Fliegen war's nämlich nichts mehr, seit die Freundin seinen immer noch arbeitslosen Lederjackenvater an die Luft gesetzt hatte. So gut war er doch nicht im Bett, dass sie arbeitete und seine Flugstunden finanzierte, während er bis mittags schlief. Nun war er bei einem Flugzeugmonteur in einer Schrebergartenhütte ohne Heizung untergekrochen. Das erzählte sich natürlich nicht gut in der Gruppe, und deshalb ging Karsten nicht mehr hin zu den Treffen der Kinder der Reichen, nachdem sein Selbstbewusstsein abgestürzt und jäh am Boden zerkracht war.
erschließt sich mir nicht.

Wer sagt das? Woher weiß denn der Junge das? Ist das wieder eine Spekulation der Erzählerin? Wenn ja, weg damit. Wenn nein, dann bitteschön auch den Absender nennen.

Insgesamt aber gefällt mir die Geschichte sehr gut und der Ausdruck hat sich gelohnt. Noch mal danke für den Hinweis.

Städter

 

     augustine²



Vom Himmel fliegen

   01.03.2012, 00:09



Ich habe ein Original des Textes gefunden, den Freunde der beiden Jugendlichen, über die ich diese Geschichte geschrieben habe, 1984 am U-Bahnhof verteilt haben:

Gunnar und Ines sind die Klarnamen. Dieser Selbstmord ist 28 Jahre her.

augustine

 

Vom Himmel fliegen




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