augustine
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26.05.2006, 16:56 / 5 x geändert
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DIE WAGENBURG oder: DIE BÜCHERWAND
Am späten Vormittag waren die Arbeitsplätze im großen Lesesaal der Universitätsbibliothek fast alle schon belegt. Es gab nur noch ein paar leere an Doppeltischen und auch da wenig Auswahl für mich, denn den großen und schweren Band der monumenta Germaniae historica wollte ich möglichst nicht allzu lange durch den Raum tragen.
Es war das zweite Sommersemester meines Studiums. Erst zu jener Zeit begann ich mich wohl zu fühlen auch in dem kirchenähnlich weiten Raum über mehrere Stockwerke, ich, die von solcher Weite und Höhe sonst tatsächlich nur Kirchenräume kannte. Die erste aus ihrer Familie mit Abitur war ich. Niemand sprach mit mir über meine Schwierigkeiten beim Eingewöhnen in der neuen Umgebung. Es waren mehr als nur normale Anfängerschwierigkeiten, die mich bis in den Sommer jenes Jahres besetzt gehalten hatten. Ich war durchdrungen von dem Gefühl, dorthin nicht zu gehören, seltsamerweise zugleich von einer sturen Zuversicht, dass sich das ändern würde, irgendwie. Und es hatte sich geändert. Nun fühlte ich mich mehr als nur wohl. Das war ein viel zu schwacher Ausdruck geworden. Vielmehr war ich endlich angekommen an einem für mich richtigen Ort.
Platz fand ich an jenem Vormittag neben einem, der sich rings mit Büchern eingemauert hatte. Um sein Gebiet herum standen rechts Gesetzeswerke in den roten Lose-Blatt-Sammlungen, die auch ein Historiker sofort erkennt, dazwischen Bücher unterschiedlicher Größe, alle mit dem Schnitt zu mir, so dass ich Titel nicht lesen konnte. Links von dem Mann waren einzelne Bände von RGG aufgebaut, Die Religion in Geschichte und Gegenwart, einem Werk, das ich selbst schon benutzt hatte, und andere offenbar auch theologische Nachschlagewerke. Dem Kommilitonen gegenüber an seinem Teil vom Tisch, neben der Lampe, gab es noch einen Stapel von unordentlich aufeinander liegenden Büchern, die ich nicht zuordnen konnte. Der Mann in seiner Wagenburg schlief, oder er schien zu schlafen, den Kopf auf den übereinander liegenden Händen. Seine Brille lag davor. Unter seinem rechten Arm hindurch und durch eine Lücke zwischen den Büchern konnte ich auf einen Stapel weißen, linierten Papiers sehen. Ich fand es etwas unheimlich, neben so einem zu sitzen. Warum hatte er erst so viele Bücher um sich gestellt, um dann darin zu schlafen? Hatte er eine schlechte Nacht gehabt? Ich dachte auch: Wenn er doch nicht arbeiten kann, warum besetzt er einen Platz? Ja, er schlief. Langsames, gleichmäßiges Atmen und hin und wieder wirklich ein kleiner Schnarcher bewiesen es. Aber, dachte ich dann versöhnlich, der Schlaf hatte ihn wohl überkommen. Denn dafür hatte er doch sonst hoffentlich einen bequemeren Ort.
Trotzdem versuchte ich an der Stelle weiter zu arbeiten, an der ich tags zuvor unterbrochen hatte. Ich war beim Übersetzen der Goldenen Bulle von Rimini, mit der 1226 der deutsche Kaiser Friedrich II. einem Deutschordenshochmeister, Hermann von Salza, das gesamte noch heidnische Land zur Herrschaft übergab, das der Orden im Kampf gegen die noch heidnischen Pruzzen erobern würde, die ein schon christianisiertes polnisches Gebiet bedrohten usw. Ja, so etwa hätte ich sagen können, was ich da tat, wenn's einer hätte wissen wollen. Dass dieser Mensch es in seiner Zeit vermocht hatte, Kaiser und Papst für seine politischen Ziele einzuspannen, das faszinierte mich in einem Seminar über den Deutschordensstaat Preußen. Eigentlich sollte ja der in Palästina gegründete Orden – es war eins von den beiden Jahrhunderten der Kreuzzüge, mein Gott, und Palästina war was anderes als heute -, also er sollte nur christianisieren und dann das neu bekehrte Land wieder verlassen. Dieser Mann aber machte Politik wie ein moderner Eroberer, und der so genannte Missionsauftrag des Christentums war nur Vorwand für eine Machtergreifung. So hatte ich das im Geschichtsunterricht nicht gelernt. Und wollte nun mehr verstehen.
Vom Stuhlrücken und meinem Hantieren mit dem Folianten, dem Schreibwerkzeug und den Karteikarten – es war noch vor dem Zeitalter des Laptops - , wurde der benachbarte Schläfer geweckt, streckte sich ungeniert wie eine aufwachende Katze und setzte die Brille auf. Nun, wo er nicht mehr darauf lag, wurde sichtbar, dass der Stapel Papier überhaupt keine Arbeitsspuren trug. Der Kommilitone seufzte lange und vernehmlich und zog das unterste Blatt hervor, anscheinend eine Aufgabenstellung, legte es neben die weißen Blätter, sah mich aus düsterem Gesicht kurz an und brütete nun offenbar über dieser Aufgabe. Nach längerer Zeit schrieb er zögernd und immer wieder mit langen Unterbrechungen einige Zeilen auf das oberste weiße Blatt, nahm abermals die Brille ab und bettete wieder den Kopf auf die übereinander gelegten Arme, diesmal aber nicht lange. Ruckartig setzte er sich erneut auf und strich mit einer so heftigen Bewegung seines Füllfederhalters die wenigen Zeilen zweimal schräg durch, dass das Blatt zerriss. Er knüllte es zusammen, schob die Aufgabenstellung wieder unter den Stapel Papier, stand auf und ging aus dem Lesesaal.
Wie sollte ich nun aber in meine eigene Arbeit finden, wenn neben mir jemand so sichtbar und hörbar mit seiner nicht weiter kam? Statt an meinen zeitenfernen salzaischen Herrmann hängten sich meine Gedanken an den nahen Berliner Kommilitonen. War der Zettel unter dem Papierstapel wirklich eine Aufgabenstellung? Er konnte ja auch ein kurzer privater Brief sein und vielleicht einen Satz enthalten ähnlich dem, den mir vor nicht sehr langer Zeit jemand am Tag nach einem innigen Kuss geschrieben hatte: "Ich bitte Dich um äußerste Distanz." Oder, wenn das Blatt eine Aufgabe enthielt: War es eine juristische oder eine theologische? Und wenn er Bücher aus beiden Fächern rund um sich gestellt hatte, brauchte dieser Student sie alle für sein Thema, oder war da ein Studienfachwechsel dokumentiert? Von wo nach wo? Ein Jurist, der nun zur Theologie wollte? Oder ein Theologe, auf dem das göttliche Recht zu schwer lastete?
Da kam er schon wieder. Er stellte sich hinter seinen Stuhl, dessen Lehne er mit beiden Händen fasste, wendete sich mit knapper Drehung zu mir, versuchte ein Lächeln auf sein depressivverdunkeltes Gesicht zu bringen, das nicht geriet, deutete eine Verbeugung an, wendete sich wieder seinem Platz zu, zog den Stuhl zum Hinsetzen heraus, dann das Blatt unter dem Stapel hervor. Diesmal griff er nach einr der Gesetzestafeln, die er zielstrebig aufschlug. So herum also, dachte ich. Er las und notierte einiges, schrieb recht flüssig, schrieb also vielleicht ein Stück Text einfach ab, nahm danach einen anderen Band und noch einen, las wieder und notierte wieder, sehr langsam nun und mit großen Pausen. Dann strich er das Geschriebene wiederum durch, diesmal aber auch das langsam, geradezu bedächtig, jedenfalls ohne die Entschlossenheit oder den Zorn oder die Verzweiflung des ersten Males. Unten auf der Seite, da wo nur noch die Unterschrift hinkommt, wenn es ein Brief ist, zog er nach einiger Zeit sorgfältig senkrechte Striche, zwei längere, einen kürzeren, wieder einen längeren und wieder einen kürzeren und noch einen längeren, den aber nach unten. Zu mir hin flüsterte er ziemlich scharf: "Treib deine eigenen Sachen. Was gehen dich meine an?" Wieder versteckte er das Blatt, schraubte den Füller zu, stand erneut auf und ging, ohne nochmals eine Bewegung zu mir hin zu machen. Seine Wagenburg blieb.
Ich suchte die Stelle in der Urkunde, an der ich tags zuvor mit dem Übersetzen aufgehört hatte. Übersetzen, dachte ich, das wird doch wohl gehen, jedenfalls erstmal, ohne dass du mehr zu tun brauchst, als eben zu übersetzen. Das fordert soviel Aufmerksamkeit, dass du nicht dauernd auf den auf so seltsame Weise besetzten Platz neben dir zu sehen brauchst. Es hilft dir, dich wieder zu sammeln. Du wirst ja Satz für Satz von deinem lateinischen Text geleitet. Insofern ist Übersetzen doch einfach und fordert dir gar nicht viel ab. Die eigenen Gedanken zu dem so ungeheuer tatkräftigen mittelalterlichen Politiker kannst du dir noch später machen. Aber es gelang nicht. Meine Konzentration war beim Teufel oder sonst wo.
Da es auf Mittag zu ging, beschloss ich, in die Mensa zu gehen. Auf dem Weg begegnete mir Winfried, den ich seit einer kirchlichen Gruppenreise zwei Jahre zuvor nie wieder gesehen hatte, obwohl doch das Fach Geschichte für uns ein gemeinsames war. Das wusste ich. Damals hatte er sich ganz unsterblich in Wiebke verliebt und sie sich in ihn. Ein Paar, das füreinander bestimmt schien, beide von derselben dunklen, zarten Schönheit, ganz anders als alle anderen Paare, die sich während dieser Reise fanden und neben diesen beiden geradezu etwas grob wirkten. Winfried und ich gingen zusammen essen. Sie seien sehr schnell wieder auseinander gekommen, sagte er mir. Denn bald nach der Rückkehr hatte Wiebke ihm gestanden, dass sie in Berlin einen Freund habe und bei ihm bleiben wolle. Doch, sie habe ihn, Winfried, auch geliebt, aber es einfach nicht geschafft, ihm während der Rüstzeit (so hieß das) zu gestehen, dass es schon einen gab in ihrem Leben. Ihm, sagte er, sei das Zusammensein mit ihr etwas Außerordentliches gewesen, das ganz sicher gelingen würde. Um ihr nicht zu begegnen, sei er noch im ersten Semester nach Göttingen gegangen und jetzt erst zurück gekommen, ent-täuscht, aber nun wieder einigermaßen gesammelt. Lange genug habe es gedauert. So ein Glück wie vom Himmel, das gebe es eben auf Erden nicht.
Als ich an diesem Tag zurück in den Lesesaal kam, war der Platz links neben mir leer. Auf meinem Stapel Karteikarten lag ein Zettel, gleichfalls leer und mit einer 'Unterschrift' unter gar nichts. Es waren die Striche, die ich schon auf einem anderen Blatt gesehen hatte, nun ergänzt zu Buchstaben: Philip. Ich habe aber Philip nie wieder gesehen.
AugenblickeBlickwinkel 1

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