Märkischer Sand · augustine · Reiseberichte

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     augustine



Märkischer Sand

   16.07.2008, 01:20 / 5 x geändert



MÄRKISCHER SAND

Immer hatte das Kind wissen wollen, wo das Ende der großen Stadt war. Irgendwo musste man es doch sehen können, ein letztes Haus in einer Reihe, ein großes Fenster darin, aus dem es auf winterbraune Erde würde schauen können, bestäubt mit ein wenig Schnee. Einzelne Häuser mit Gärten drum herum kannte es noch nicht, und niemand hat seinen Wunsch, das Ende der Stadt zu sehen, je ernst genommen, hat ihm also nicht die Linie darum gezeigt, die es sich vorstellte. Und Stadtmauern wie in früheren Zeiten, sagte man ihm, die gab's nicht mehr.
Aber eines frühen Morgens wurde die Linie markiert, unübersehbar, mit Stacheldraht vermessen, gemauert, betoniert: unübersteigbar. Stadtmauer ohne Tore. So wurde das Kind groß. Abgefunden hat es sich nie.
Jahrzehnte später stieg es, erwachsen nun, durch Mauerlöcher und ging da, wo eben noch scharfe Hunde an langen Leinen gelaufen waren und die Grenzer gebellt hatten.
Es fuhr mit der ruckelnden, langsam zuckelnden S-Bahn auf den ins Umland ausgestreckten Radien der großen Stadt, soweit sie erhalten geblieben waren. Stand auf Bahnhöfen, einfach um auf Bahnhöfen zu stehen, die Namen von Orten trugen, die es nicht mehr zu erreichen geglaubt hatte, Oranienburg, Bernau, Erkner, Königs Wusterhausen. Es ging, es fuhr über die Glienicker Brücke, heulend.
Dann, in vielen Jahren, immer ein wenig kundiger, befuhr es das Land, aus dem die große Stadt herausgewachsen war, manchmal Fontanes Spuren folgend. Den Stechlin, den gab es ja wirklich, diesen See voller Geheimnisse! Und Kleist hatte sich nicht nur am Kleinen Wannsee erschossen (das Grab dort kannte sie, es ist in Berlin), er war natürlich auch geboren worden, in einer Stadt, deren Name im Westen beinahe vergessen war, Frankfurt an der Oder. Und die Brechts hatten gelebt in Buckow in der Märkischen Schweiz und Peter Huchel in Wilhelmshorst, solange sie ihn ließen, und in Wiepersdorf der Achim Arnim, meist allein. Leben dort konnte sie nicht dauernd, seine Bettine, die Städterin, die Wirbelige, die auch sieben Kinder nicht wirklich zähmten, aber begraben ist sie dort draußen neben ihm. Da hab' ich gestanden, ihr Flieder gebracht.
Im Fläming fand ich, das Kind, das einst die Linie um die Stadt nicht hatte sehen dürfen und sie dann so erdrückend genau sah und dann nicht mehr – im Fläming fand ich einen Weg im Abendlicht, einen sandigen Holzweg, die Traktorspuren darin vom Wind schon fast wieder verblasen; einen Weg zwischen einem Schlag Kiefern, den hoch wachsenden, tief wurzelnden mit den langen Stämmen, den eigenwilligen Kronen, dem Duft ihres Harzes im Sommer, und einem weiten Feld Raps in glühendem Maigelb. Der Sand war weiß und sehr fein, war Streusandbüchsensand. Den ließ ich durch die Finger rinnen wie als Kind vor sehr langer Zeit den Ostseesand und weiß es nun endlich: dies ist der Grund, auf dem die große Stadt erbaut ist, der sie trägt und mich, wie der vom Rhein.

das meine ich; das gehört zusammen; und (edit) auch noch:
dies hier und das: den Grund finden oder nicht verlieren:
auch nicht dort

augustine

 

     Jolante



RE: Märkischer Sand

   16.07.2008, 12:49 / 2 x geändert



Liebe augustine,

dieser Text ist mehr als ein Reisebericht, und wenn es doch einer ist, dann ein literarischer im besten Sinne. Am Anfang steht das Kind, das über das, was es von seiner Stadt (seiner Heimat) sieht, hinausschauen will, dann die Heranwachsende und später Erwachsene, die ganz reale, bestürzende Grenzerfahrungen machen muss, an schier unüberwindliche Grenzen stößt, geografisch gesehen durch den Bau der unsäglichen Berliner Mauer und den Stacheldraht, der in DDR-Zeiten den Osten vom Westen Deutschlands trennte. Immer sucht die Erzählerin Grenzen (auch die im Kopf) zu überwinden, und am Ende steht die Erfahrung von Heimat als sinnliche und intellektuelle Wahrnehmung und Verarbeitung von Natur und Kultur, von Gefühlen, von Herkunft und Verwurzelung, aber auch Heimat als Flügel.
Younis hat Recht, den letzten Absatz empfinde auch ich als poetischen Höhepunkt dieser wunderbaren kleinen Impression..

Es grüßt Jolante

 

     Vladimir



RE: Märkischer Sand

   16.07.2008, 13:16



Mich berührt der Text unter anderem, weil ich selber diese Erfahrung der "Stadtgrenze" teile: hier in Köln gibt es, wenn man mit dem Rad von Ehrenfeld nach Auweiler fährt, einen Weg, der geht zwar vorher schon durch große Parks und dann ist daneben ein See und man denkt fast man wär draußen, aber dann kommt doch wieder Bocklemünd mit Hochhäusern und Supermärkten und Straßenbahn. Aber wenn man da durch ist, gehts durch die Autobahn durch, und danach, da war man dann auf einmal drüber über der Grenze und es gibt nur noch Felder, Landstraße und kleine Dörfer - obwohl, und das ist gewissermaßen der Witz, die nächsten davon alle noch zu Köln gehören.
Natürlich ist das mit einer Mauer drum noch eine ganz andere Geschichte (die mir aber so erzählt ungewöhnlich nachfühlbar wird); aber diesen Wunsch am Anfang, diese Grenze zu sehen und darüber zu kommen, den kenn ich glaub ich.

Liebe Grüße,

Vladimir

 

     lost



RE: Märkischer Sand

   16.07.2008, 16:55



der kindliche (und zutiefst menschliche) Wunsch, die "Grenze" kennenzulernen - das ist eine feinsinnige Beobachtung und eine Metapher zugleich, um die Sehnsucht nach (Ver-)Ortung, außen wie innen ("Heimat" findet vor allem in der Psyche statt), zu umschreiben und den Leser in einen sehr vielschichtig und reich angelegten Text hinein zu führen.

ein bemerkenswertes Detail: an dem Grab, welches zwei unterschiedliche und doch in ihrer Verschiedenheit innig auf einander sich beziehende Menschen - er dem Landleben zugeneigt, sie wirbelige Städterin - vereint beherbergt, an diesem Ort, wo (zumindest symbolisch) die Grenze, die Trennlinie aufgehoben wird und Stadt und Land also auf ewig "beieinander liegen", tritt zum ersten Mal das "Ich" des Textes auf; das fragende Kind ist erwachsen geworden und "er-fährt" (Wortsinn!) sich die Antwort auf seine Grenz-Frage selbst.
das ist ein schöner Bogen.

lost.

 

     windflug



RE: Märkischer Sand

   16.07.2008, 19:21



Liebe augustine,

das meiste ist schon gesagt zu diesem Reisebericht, der mich mitnimmt nicht nur an einen Ort, sondern auch in verschiedene Zeiten und Innenräume. Mir gefällt, wie du einen weiten Bogen spannst von dem vergeblichen Versuch des Kindes seinen Raum und dessen Grenzen zu finden und zu verstehen (seine Ohnmacht angesichts der Begrenzung seiner kindlichen Wissbegier durch die verständnislose Erwachsenenwelt wird schmerzlich fassbar) über das Hereinbrechen der Geschichte in diese Grenzsuche durch eine Grenzschaffung zu der erwachsenen Ortssuche, die nicht nur auf das Erkunden des Raumes beschränkt bleibt, sondern die kulturelle Bodensuche einschließt. Wie lost fiel mir besonders der Perspektivwechsel gerade and der Stelle auf, an der du Bettine von Arnim beschreibst, die Unbezähmbare, die sich keine Fesseln anlegen lässt wie das Kind, das sich notgedrungen mit den unbefriedigenden Erklärungsversuchen abfinden muss. Sehr schön finde ich auch das Motiv des Sandes, der weitere Assoziationsräume schafft.
Ein Bogen lässt sich auch spannen zu weiteren Texten - du zeigtst einen auf, einen anderen sehe ich zu Jolantes Reisebericht, in der ja auch Blumen auf ein Grab gelegt werden, andere und in vollkommen anderer Manier.
Ich habe deinen Text sehr gern gelesen.

Liebe Grüße
windflug

 

     zuppanova



RE: Märkischer Sand

   17.07.2008, 17:08



augustine,

das ist eine gut gemachte raum-zeit-reise-reflexion.
haben einige ja schon den text ein wenig ausgeleuchtet,
so dass ich's mir einfach machen darf: ich schreib ein schönes
JA hierher - zum feinen text treffende beobachtungen, was die
konstruktion und führung, die vielschichtigkeit, die ausstrahlung, aussage
und besonderen "drehmomente" des textes betrifft. alles sehr gern gelesen hat

die zuppa.

ein bild noch, das mir grad zum thema Grenzen überschreiten in den sinn kam.

 

     augustine²



RE: Märkischer Sand

   17.07.2008, 19:16 / 1 x geändert



o zuppa, ja, dieser Holzschnitt: ich kenn' ihn, seit ich ihn zum erstenmal als Schülerin in einem Geschichtsbuch gesehen habe, und immer hab' ich ihn für aus dem 16./17. Jh. gehalten (oder auch; man hat ...); er ist von 1888: und koloriert wurde er natürlich auch erst da.

Ich danke euch allen, die ihr so überaus Freundliches zu diesem Text mir geschrieben habt; ich fühle mich reich beschenkt. Hatte das Thema im Kopf und auf Papier lange mit mir umher getragen ...

Ja, die Grenzen in vielerlei Form. Ich könnte noch viel davon erzählen.
Aber auch der Grund; ich schreib' noch zum Grundtext, was für mich - außer dem direkt als zugehörend erkennbaren Text - mit diesem verbunden.

Liebe und erfreute Grüße in die Runde von augustine

 

     augustine²



Märkischer Sand

   29.01.2014, 15:50 / 2 x geändert



Lang ists her.

Die Links unter dem Text funktionieren nicht mehr, auch nicht bei anderer cookie-Einstellung.
Und wieso das?

augustine

 

     Elise



Märkischer Sand

   29.01.2014, 18:51



Die Links funktionieren nicht mehr, weil sie veraltet sind.
Konkreter: Früher hieß dieses Forum literature-online, jetzt heißt es synekdoche. Wenn man im jeweiligen Link das Wort "literature-online" durch das Wort "synekdoche" ersetzt, funktioniert es wieder. Es gab eine automatische Umleitung, die aber inzwischen erloschen ist.
Man muss also "von Hand" nachbessern, Link für Link.

Elise

EDIT: So, die Links greifen wieder.

 

     augustine²



Märkischer Sand

   31.01.2014, 21:19



Danke, Elise, für die Wiederverbindung der Links!

Danke, Mell, für dein genaues Lesen. Am Anfang, das ist aber nur eine indirekte Frage, eine Erinnerung. Darauf muss am Ende keine Antwort kommen.

Gruß augustine

 

Märkischer Sand




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