Sophokles, Antigone, 2. Chorlied · augustine · Komparatistik (Ü)

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     augustine



Sophokles, Antigone, 2. Chorlied

   06.07.2008, 19:40 / 1 x geändert



CHOR der thebanischen Alten

Ungeheuer ist viel. Doch nichts
Ungeheuerer als der Mensch.
Denn der, über die Nacht
5 Des Meers, wenn gegen den Winter wehet
Der Südwind, fähret er aus
In geflügelten sausenden Häusern.
Und der Himmlischen erhabene Erde,
Die unverderbliche, unermüdete,
10 Reibet er auf; mit dem strebenden Pfluge
Von Jahr zu Jahr
Treibt sein Verkehr er mit dem Rossegeschlecht,
Und leichtträumender Vögel Welt
Bestrickt er und jagt sie
15 Und wilder Tiere Zug
Und des Pontos salzbelebte Natur
Mit gesponnenen Netzen,
Der kundige Mann.
Und fängt mit Künsten das Wild,
20 Das auf Bergen übernachtet und schweift.
Und dem rauhmähnigen Rosse wirft er um
Den Nacken das Joch, und dem Berge
Bewandelnden unbezähmten Stier.

Und die Red und den luftigen
25 Gedanken und städtebeherrschenden Stolz
Hat erlernet er, und übelwohnender
Hügel feuchte Lüfte und
Die unglücklichen zu fliehen, die Pfeile. Allbewandert,
Unbewandert. Zu nichts kommt er.
30 Der Toten künftigen Ort nur
Zu fliehen weiß er nicht,
Und die Flucht unbeholfener Seuchen
Zu überdenken.
Von Weisem etwas, und das Geschickte der Kunst
35 Mehr, als er hoffen kann, besitzend,
Kommt einmal er auf Schlimmes, das andre zu Gutem.
Die Gesetze kränkt er, der Erd und Naturgewalt'ger
Beschwornes Gewissen;
Hochstädtisch kommt, unstädtisch
40 Zu nichts er, wo das Schöne
Mit ihm ist und mit Frechheit.
Nicht sei am Herde mit mir,
Noch gleichgesinnet,
Wer solches tut.
45 Wie Gottesversuchung aber stehet es vor mir,
Daß ich sie seh und sagen doch soll,
Das Kind sei's nicht, Antigone.
O Unglückliche, vom unglücklichen
Vater Ödipus, was führt über dir und wohin,
50 Als Ungehorsam dich
Den königlichen Gesetzen,
In Unvernunft dich ergreifend?

 

     augustine²



RE: Sophokles, Antigone, 2. Chorlied

   06.07.2008, 19:52 / 4 x geändert



Dieser Text mag aus mehreren Gründen 
 
befremden: 
[align
=center][/align]
weil er in mehrfacher Weise fremd ist; fremd ist, weil der griechische Urtext von 429 v.u.Z. stammt und , wer sich drauf einlassen möchte, sich manches an Informationen z.B. über griech. Theater erst besorgen muss; 
 
weil diese Übersetzung von Hölderlin ist (1804 erschienen), der wortwörtlich den Worten auf den Grund ging, und ihm auf dem Weg zu folgen, kostet Anstrengung, aber die Anstrengung lohnt und belohnt mit Erkenntnis; 
 
natürlich gibt es andere Übersetzungen; es wäre schön, wenn jemand danach suchen und sein Fundstück zu dieser stellen würde; 
das ergäbe dann die Möglichkeit, an vielleicht nur kleinen Textstellen wirklich zu vergleichen 
 
ob das wohl zustande kommt? 
augustine würde sich freuen 
 
 
In der Formatierung sind diese beiden Beiträge nicht fehlerfrei. Vor allem war in der Vorlage die Verszählung vom Text abgesetzt. Aber Formatierungen sind hier schwierig (mf!) 

 

     ear



RE: Sophokles, Antigone, 2. Chorlied

   07.07.2008, 10:20



Mir scheint, dass Antigones Tragik in dem Fluch liegt, der die weitere Generation trifft. Sie ist als Tochter des Oedipus mit allem, was sie versucht, verdammt.
Meine erste Annaeherung an die zweite Ode des Chores:
Der Chor berichtet vom Menschen , der ein taetiges Leben fuehrt, die Meere befaehrt, das Land kultiviert, jagdt,Tiere unters Joch bringt, fischt und sich weiter bildet, der Staedte baut und ungesunde Gebiete zum Leben vermeidet.
Doch der Mensch kann dem Tod nicht entkommen, er ist Seuchen und Krankheiten ausgeliefert.
Er bildet sich durch Kunst, nimmt Gutes und Schlimmes an, er sucht sich gleichgesinnte Freunde.

Die zweite Ode spricht vom Fluch, welcher Antigone trifft. Sie wagt es, dem Koenig Creon zuwider zu handeln. Sie missachtet die erlassenen Gesetze der Nicht-Bestattung ihres Bruders. Ungehorsam und Unvernunft werden genannt.
Ich frage mich, ob sie es aus Instinkt, aus Gehorsam ihrer Familie gegenueber tut. Sie wird ein junger Mensch sein, denn sie ist verlobt mit Creons Sohn. Sie muss sich der Todes-Strafe bewusst sein, die der Koenig bei Nicht-Befolgen seiner Gesetze verhaengt.

augustine, das wird ein interessantes Einsteigen in die wohl beruehmteste Ode=Stasimon der “Antigone” werden. Danke fuer den Anstoss.
Ich werde Ausschau halten nach anderen Versionen.

 

     ear



RE: Sophokles, Antigone, 2. Chorlied

   08.07.2008, 17:11



Leider konnte ich bisher nur Englischsprachige in Prosa oder Versform finden.
Ich stelle sie ein:

Translated by Richard C. Jebb
http://classics.mit. edu/Sophocles/antigone.html

Chorus singing
strophe 1
Wonders are many, and none is more wonderful than man;the power that crosses the white sea, driven by the stormy south-wind, making a path under surges that threaten to engulf him; and Earth, the eldest of the gods, the immortal, the unwearied, doth he wear, turning the soil with the offspring of horses,as the ploughs go to and fo from year to year.

antistophe 1
And the light-hearted race of birds, and the tribes of savage beasts, and the sea-brood of the deep, he snares in the meshes of his woven toils, he leads captive, man excellent in it. And he masters by his arts the beast whose lair is in thewilds, who roams the hills;he tames the horse of shaggy mane, he puts the yoke upon his neck, he tames the tireless mountain bull.

strophe 2
And speech, and wind-swift thought, and all the moods that mould a state,hath he taught himself; and how to flee the arrows of the frost, when 'tis hard lodging under the clear sky, and the arrows of the rushing rain; yea, he hath resource for all; without resource he meets nothing that must come:only against Death shall he call for aid in vain; but from baffling maladies he hath devised escapes.

antistrophe 2
Cunning beyond fancy's dream is the fertile skill which brings him, now to evil, now to good. When he honours the laws of the land, and that justice which he hath sworn by gods to uphold, proudly stands the city: no city hath he who, for has rashness, dwells with sin. Never may he share my heart, never think my thoughts, who doth these things!

 

     ear



RE: Sophokles, Antigone, 2. Chorlied

   08.07.2008, 17:13



Antigone translation by Ian Johnston, Malaspina University-College, Nanaimo, B.C. May 2005?
http;//malaspina.edu/~johnstoi/sophocles/antigone.htm

Chorus
There are many strange and wonderful things,
but nothing more strangely wonderful than man.
He moves across the white-capped ocean seas
blasted by winter storms, carving his way
under the surging waves engulfing him.
With his teams of horses he wears down
the unwearied and immortal earth,
the oldest of the gods, harassing her,
as year by year his ploughs move back and forth.

He snares the light-winged flocks of birds,
herds of wild beasts, creatures from the deep seas,
trapped in the fine mesh of his hunting nets,
O resourceful man, whose skill can overcome
ferocious beasts roaming mountain heights.
He curbs the rough-haired horses with his bit
and tames the inexhaustible mountain bulls,
setting their savage necks beneath his yoke.

He's taught himself speech and wind-swift thought,
trained his feelings for communal civic life,
learning to escape the icy shafts of frost,
volleys of pelting rain in winter storms,
the harsh life lived under the open sky,
That's man-so resourceful in all he does.
There's no event his skill cannot confront-
other than death- that alone he cannot shun,
although for many baffling sicknesses
he has discovered his own remedies.

The qualities of his inventive skills
bring arts beyond his dreams and lead him on,
sometimes to evil and sometimes to good.
If he treats his country's laws with due respect
and honours justice by swearing on the gods,
he wins high honours in his city.
but when he grows bold and turns to evil,
then he has no city. A man like that-
let him not share my home or know my mind.

 

     augustine²



RE: Sophokles, Antigone, 2. Chorlied

   08.07.2008, 23:05



Danke, ear, dass du auf dies mein Ansinnen mit earscher Schnelligkeit geantwortet hast.

Nun ist mir klar gewesen, dass schon im Bereich von Übersetzungen ins Deutsche einerseits die Schwierigkeit dieselbe ist wie bei der Recherche, dass nämlich der Originaltext fehlt, und der ist nun noch Griechisch. Ich habe zu den Hölderlin-Übersetzungen (Ödipus, Antigone) den griech. Text mit Interlinearversionen. Für unseren Arbeitskreis genügt das zur Not, weil einer immerhin Griechisch kann und die Interlinearversion schon sehr hilfreich ist.
Ich meinte etwas anderes, ohne irgendetwas vorschreiben zu wollen:
Andere deutsche Übersetzungen mit der von Hölderlin zu vergleichen. Gerade die Übersetzungen der Chorlieder sind sehr schwer, in völlig ungewohnter Sprache u. a. Andere deutsche Übersetzungen sind hilfreich, weil einfach leichter verständlich - und wenn wir richtig in die Tiefe kommen, begreifen wir manchmal plötzlich eine bisher unverstandene Stelle.

Die Schwierigkeiten sind also ohnehin groß, und englische Versionen würden sie vermehren; jedenfalls wenn der Bezugspunkt Hölderlin wäre.
Du kannst aber ja, wenn dich die Sache selbst interessiert, einen eigenen Faden aufmachen. Und wenn sich tatsächlich in beiden Fäden etwas ereignet, könnten wir immer noch sehen, wie damit umgehen.
Und wenn sich nichts ereignet - nun, es war bloß ein Vorschlag
von augustine

 

     ear



RE: Sophokles, Antigone, 2. Chorlied

   09.07.2008, 08:47



Liebe augustine,
Der Originaltext , selbst wenn ich ihn haette, wuerde mir leider nichts nuetzen, weil ich nie Griechisch gelernt habe.
Eine Interlinear-Version waere hilfreich. Vielleicht koenntest du diese einstellen?
Sehr interessant waere die Brecht-Version von 1947.
Es soll im German Quarterly, 46, 4, 581-604 von November 1973 einen Artikel von
Ulrich Weisstein geben:
“Imitation, Stylization and Adaptation: the Language of Brecht's 'Antigone'and Its Relation to Holderlin's Version of Sophocles.” Gruss, ear

 

     augustine²



RE: Sophokles, Antigone, 2. Chorlied

   09.07.2008, 15:27



Hallo, ear und wen's interessieren mag:
nein, die Interlinearversion kann ich nicht einstellen; ich kann nämlich noch nicht bearbeitbar scannen; und die Frage ist auch, ob dies Formular griechisch akzeptierte, und sowieso ist es zu klein für lange Textzeilen.
Also: mal so sehen. augustine

 

     ear



RE: Sophokles, Antigone, 2. Chorlied

   09.07.2008, 21:59 / 1 x geändert



Ich verstehe die Schwierigkeit, danke.
Persoenlich moechte ich noch einmal auf Antigone zurueckkommen:

Sie sollte Hæmon, Creons Sohn heiraten, ein schönes Leben stand ihr bevor, doch die Liebe zu ihrem toten Bruder, war grösser. Creon zeigte sich als Tyrann, der sich, voller Hochmut, das absolute Recht zubilligte.
Ich frage mich, wie ihn die Thebaner beurteilten.
Er kam zu Fall. Sein Sohn folgte der geliebten Frau in den Tod. Er erstach sich, als sie erstickt war.
Der Tod , Antigone und Hæmons, liess ihr Ableben in einem anderen Licht erscheinen:
war sie zu fixiert auf ihr Ziel, dem Bruder alle Beerdigungsriten zu geben? Ihre einzige Familie waere zukuenftig Hæmons gewesen.
Sie war eine junge Frau, deren Liebe sich auf den Bruder konzentrierte, fast als 'idée fixe'. Nach ihrer Entdeckung und dem Schuldspruch Creons wurde ihr das Ziel genommen und sie, schwach und angreifbar, beklagte ihr Schicksal. Aber sie waehlte den Tod.

 

Sophokles, Antigone, 2. Chorlied




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