Stefan George (1868-1933) · augustine · Gedichtinterpretationen

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     augustine



Stefan George (1868-1933)

   15.04.2008, 19:44 / 4 x geändert



aus: Der Stern des Bundes

Hier schliesst das tor: schickt unbereite fort.
Tödlich kann lehre sein dem der nicht fasset.
Bild ton und reigen halten sie behütet
Mund nur an mund geht sie als weisung weiter
Von deren fülle keins heut reden darf..
Beim ersten schwur erfuhrt ihr wo man schweige
ja deutlichsten verheisser wort für wort
Der welt die ihr geschaut und schauen werdet
Den hehren Ahnen soll noch scheu nicht nennen.

Was zum Interpretieren, falls wer mag.

Und auch was zum Raten: Warum ist im letzten Vers 'Ahne' groß geschrieben? Wer könnte gemeint sein?

fragt erwartungsvoll augustine

 

     augustine²



RE: Stefan George

   18.04.2008, 17:40



Doch noch schnell das hier: der Text reist anscheinend durch Deutschland und kam auch bei mir vorbei.Bedeutungsvoll muss er ja sein, der "Ahne". Und die Widmung steht im Text.
augustine

 

     Vladimir



RE: Stefan George (1868-1933)

   18.04.2008, 23:21



Das Gedicht ist mir ein Rätsel.
Versuche mal zu enträtseln:

Mouvement inital ist ein sich schließendes Tor.
Das Tor führt offenbar zu einer "Lehre", die nur "bereite" Menschen erfahren dürfen, weil sie für andere tödlich sein kann.
Diese Lehre behütet Bild, Ton - also Musik? - und Reigen - also Tanz? Etwas in die Richtung Kunst auf jeden Fall. Nicht etwa, wie man eine Brücke baut. Nur Mund zu Mund geht diese Lehre weiter - sie ist nicht verschriftlicht.
Heute (vor/während des ersten Weltkrieges?), in solcher Zeit darf niemand davon sprechen. Sie ist bedroht.
Und dann wird bei mir alles wirr: Die Syntax der letzten vier Zeilen krieg ich einfach nicht zusammen.
Inhaltlich: geht es wohl wieder darum, diese Lehre noch geheim zu halten, zu schweigen - mit Schwur besiegelt. Dann gibt es eine Verheißung einer Welt, die die angesprochenen Eingeweihten geschaut haben und schauen werden (sonst wärs ja keine Verheißung) und die den "hehren Ahnen" - also den Großen der alten Welt, die eben durch diese Verheißung überkommen ist - noch nicht genannt werden soll.
Wir befinden uns also in einer Zeit, in der nur noch wenige bis gar keiner diese Lehre erfahren darf; ebenfalls von ihr zu reden aufgrund der Umstände welcher Art? verboten ist; genauer: gegenüber den Ahnen, weil die in ihr enthaltene Prophezeiung noch nicht eingetreten ist.

Aber: welche Lehre? welcher Bund? Ist das Gedicht nur für Eingeweihte geschrieben, oder soll man es aus sich heraus verstehen - und genießen? Wann wurde es geschrieben? Und warum dies zerfasern der Syntax am Ende, oder kann ich zu wenig deutsch?

Beste Grüße,

Vladimir

 

     augustine²



RE: Stefan George (1868-1933)

   19.04.2008, 16:13 / 1 x geändert



Verzeih meine Zeilen im Kommentar für sytash, vladimir. Dies hattest du ja schon gestern am Abend geschrieben.
Ja, es ist eine Art Rätsel. Die 'Initiation' hier hast du richtig gelesen.
Ich kopiere die vier letzten Verse hier rein und setze Satzzeichen dazu (das habe ich heute Nacht mit deinem Gedicht auch gemacht; frech auch die Verse mir anders gesetzt; muss aber da wohl im Paradies lesen...)
Also:

Beim ersten schwur erfuhrt ihr, wo man schweige,
ja; deutlichsten verheisser - wort für wort -
Der welt, die ihr geschaut und schauen werdet;
Den hehren Ahnen soll noch scheu nicht nennen. [die Scheu]

aus: Der Stern des BUNDES

Ich bin keine George-Kennerin. Aber beim Lesen der Karlauf-Biographie habe ich manchmal an dich gedacht: wenn DU damals gelebt und gewollt hättest (Hofmannsthal wollte ja nicht) - zu diesem Bund hättest du gehören können.
Die Widmung an den "Ahnen" steht im Gedicht.
Liebe Grüße augustine

 

     Vladimir



RE: Stefan George (1868-1933)

   19.04.2008, 16:36



Aaah, dankeschön, das ist doch sehr nützlich - und wieder einmal frage ich mich, was diese - in meinen Augen pseudoprogressive - Missachtungen von Großschreibung und Zeichensetzung eigentlich bringen sollen...
- also bezieht sich das "deutlichsten" noch auf das "Beim"! Und dies "scheu" ist nun wirklich missverständlich - wäre es nicht, wenn großgeschrieben. Egal.
Also meinst du das mit dem "Bund" konkret dieser George Kreis gemeint ist (von dem ich im Deutsch Unterricht flüchtig und auch in Zusammenhang mit Hofmannsthal gehört habe...)?
Das mit der Widmung versteh ich immernoch nicht.
Vielleicht schau ich meins jetzt doch nochmal auf Sprachkorrektheit durch.... und
für die Ermutigung dankt
Vladimir

 

     augustine²



RE: Stefan George (1868-1933)

   19.04.2008, 19:04 / 1 x geändert



Diese interpretatorischen Versuche hier sind alle nur meine, die eingesetzten Satzzeichen auch, das sagte ich ja.
Nach dem Schluss, den du daraus ziehst, überlege ich, ob anders zu interpungieren größere Klarheit brächte:

Beim ersten schwur erfuhrt ihr, wo man schweige;
ja: [den] deutlichsten verheisser - wort für wort -
Der welt, die ihr geschaut und schauen werdet,
Den hehren Ahnen soll noch scheu nicht nennen. [die Scheu]

Dann wäre "deutlichsten verheisser" | "hehren Ahnen" parallel, und ich lese es: sie sind identisch. Es gäbe also (nein: es gab) für George einen, den er ehrt mit der einzigen Großschreibung im Text.

Ja, der Bund kann nur der George-Kreis sein. Dafür spricht alles, alle strenge Esoterik, die aber weiter nicht schwer zu erkennen ist, wenn man den Anfang hat.
"Bild": George hat allergrößten Wert auch auf die Ausstattung seiner Lyrikbände gelegt; "ton": man hat einander - und der Meister hat selber - viel vorgelesen; dazu gehört wohl auch der "reigen": das Runde, Ganze, das nach außen hin Abgeschlossene.
Grüße! augustine

 

     Vladimir



RE: Stefan George (1868-1933)

   19.04.2008, 23:47



Weißt du denn, wer dieser hehre Ahne nun ist? Doch wohl nicht Rilke? Oder ein Klassiker? Hölderlin? Ich tappe da im Dunkeln...

Und dann würde mich interessieren, warum du das Gedicht ausgewählt hast, es hier reinzustellen; wenn, dann was dich daran begeistert.
Vielleicht könnte ich dem Gedicht dann auch selber mehr abgewinnen. Bisweilen scheint es mir für solche, die sich nicht zu den "Eingeweihten" zählen oder zählen wollen oder an der literaturhistorischen Relevanz interessiert sind noch relativ bedeutungslos.

Mittlerweile ja schon späte und entsprechend stolpernde Samstagabendgrüße,

Vladimir

 

     augustine²



RE: Stefan George (1868-1933)

   19.04.2008, 23:55



Wenn du noch hier bist; wenn du die Auflösung - es war als Rätsel doch gedacht - lesen möchtest, dann antworte schnell. Nah dran bist du.
Nur: wo ist die Widmung, nicht?

 

     Vladimir



RE: Stefan George (1868-1933)

   20.04.2008, 00:00 / 1 x geändert



Hier bin ich noch! Mehr fiele mir aber auch nicht ein... wird doch kaum ein Romantiker gewesen sein! Egal... sag, oder wie du willst! Und ja, wo ist die Widmung....

Vladimir


...obwohl ich ja doch an Novalis denken muss, und Eichendorff: mit ihren Zauberwörtern. "Dann fliegt von einem geheimen Wort/das ganze verkehrte Wesen fort." und "Wenn die so singen oder küssen/mehr als die Tiefgelehrten wissen." - aber Novalis als "Ahne" eines Expressionisten?

 

     augustine²



RE: Stefan George (1868-1933)

   20.04.2008, 00:13



Hier schliesst das tor: schickt unbereite fort.
Tödlich kann lehre sein dem der nicht fasset.
Bild ton und reigen halten sie behütet
Mund nur an mund geht sie als weisung weiter
Von deren fülle keins heut reden darf..
Beim ersten schwur erfuhrt ihr wo man schweige
ja deutlichsten verheisser wort für wort
Der welt die ihr geschaut und schauen werdet
Den hehren Ahnen soll noch scheu nicht nennen.

Das ist die Auflösung. Es haben ihn Hölderlinianer herum geschickt, denText, nicht Georgeaner. Zu mir kam er, lach nicht, aus Köln.
Und da du dich drauf eingelassen hast, musste ich mit der Auflösung nicht warten.
Wie findest du diese Art von Widmung?

 

     Vladimir



RE: Stefan George (1868-1933)

   20.04.2008, 00:22



Naja ist halt ne Art von Spielerei. Passt einerseits zu diesem "Geheimbund"-getue, und karikiert es andererseits auch etwas - denn er wird ja doch genannt. Habe dann noch gedacht: vielleicht wird irgendwer en passant zitiert, aber nachdem ich da nichts gefunden hatte, konnte es entweder nur son Buchstabensalat sein, oder eine Wissenslücke meienrseits.
Aber das interessiert mich jetzt doch, dass Hölderlin diesen Dichtern "hehrer Ahne" war. Und warum!
Und "nah dran" hieß für mich: noch nicht genannt!, aber gut, seis drum...

Fröhliche Grüße,

Vladimir

 

Stefan George (1868-1933)




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