Mark Rothko. München - Hypohalle · zuppanova · Künstler-Innen

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     zuppanova



Mark Rothko. München - Hypohalle

   25.03.2008, 11:13 / 2 x geändert



Große Wesenheiten. Rothko-in-der-Hypohalle, Retrospektive 08.02.-27.04.2008.

Es ist so, dass ich - genuin arrogant und an gewissen Stellen meiner buntscheckigen Persönlichkeit "gegen alle(s)" - kulturelle Events, welche von bestimmten Menschen in meinem Umfeld als Must bezeichnet werden, zu meiden suche. Bei Rothko-in-der-Hypohalle wollte ich mir aber eine Abweichung vom Prinzipium gestatten, denn 2002 war ich einigen wenigen seiner Bilder schon einmal leibhaftig begegnet, eher zufällig, aber auf Dauer beeindruckt.

Dienstagmorgens kurz vor zehn also im Stadtkernbereich am Eingang der Hypo-Kunsthalle, eine Schlange schon an der Kasse, und ich identifiziere u.a. auch must-hungrig gebildetes Publikum, aus guter Situierung (oder Saturierung) in Münchner Speckgürteln aufgebrochen, um angemessen gekleidet und im sicheren Gefühl, das Richtige zu tun, "den Rothko" kennenzulernen - nicht ohne sich bei solchem Unterfangen von Führerinnen unterstützen zu lassen, die erzählen, was man wissen muss über M.R. und seine Bilder, und wie man sie anschauen soll, und "was sie uns sagen" und überhaupt, besonders gern hören die Leute doch immer wieder jene politisch sehr korrekte Anekdote über die seagram murals ...

Ich aber bin hier mit einer verabredet, die sich mehr darauf freut, mich zu sehen als Rothko ("ja klar will ich da hin mit dir - was war’n das für’n Farbfreak?"), und die ist nicht da um zehn, weil sie die Hypohalle nämlich nicht findet und atemlos ratlos durch die Fünf Höfe irrt (aber das weiß ich natürlich erst einmal noch nicht), und wir können keinen Kontakt aufnehmen, da ich - wie fossil! - kein movil hab, also warte ich einfach und betrachte das kunstbeflissene Publikum --- bis mir wer von hinten die Hände auf die Schultern haut ("ich hab echt gedacht, ich finds niiiiie!"), und ich schreie kurz auf vor Schreck und dann, Sekunden später, vor Lachen, "da bist du ja endlich, du-Hex-du!", und die Kassenschlangenglieder wenden die Köpfe und schauen, wer da so herumkreischt in der heiligen Halle ... (nachher, nach unserem Ausstellungs-Besuch, werden meine Begleiterin und ich zweisam suchend durch die Fünf Höfe ziehen, denn sie hat ja ihr Fahrrad hier irgendwo abgestellt, wo denn nur ... wo ... ? Aber das ist eine andere Geschichte, die ich jetzt nicht erzähle).

Vielleicht hat der ein oder andere Leser inzwischen gemerkt, wie schwer es mir fällt, über Mark Rothko zu sprechen. Ich drücke mich, nehme Ausflüchte, und ziehe, statt endlich zum Wesentlichen zu kommen, den Vorspann ungebührlich in die Länge. Ach. Achachaberauch, was soll man denn nur sagen über diesen Mann und seine Gemälde, denen man besser begegnet und zuhört, anstatt sie beschreiben zu wollen? Wird concerning Rothko nicht jedes Wort zur leeren Floskel?
Soll ich wiederholen, was überall zu lesen ist? - Dass seine frühen Bilder noch ganz gegenständlich sind, großstädtische Szenen zeigen, Menschen, Häuser, Untergrundbahn, man aber bereits hier Spurenelemente dessen erkennt, was er Jahrzehnte später herausdestilliert haben wird, geklärt in Farbe(n). - Soll ich schreiben von Flächen, Friesen, Bändern, Segmenten, Säulen, Türen, Öffnungen, Räumen, Gestalten, Gesichtern, die er in einem lebenslangen, gewaltigen Atemzug transformiert in suggestive Essenz, in verwirrende, saugende Tiefe, in lebendige Proportion, in vollkommen strukturierte und doch ganz freie, ja oft tänzerische Farbfelder, die ihren Betrachtern bisweilen etwas zuflüstern von weitweit her?
Soll ich sagen, dass nach den mattfarbigen Untergrundbildern, in denen noch Hoppers Großstadtmalerei durchscheint, in den 30-er Jahren surreale Bilder entstehen, die sich an Werken von de Chirico und Max Ernsts "Loplop" entlangbewegen und mythologische Themen und Figuren aufgreifen: Teiresias, Antigone, den Minotauros, Lilith ... - und soll ich erzählen, wie diese Figurationen ab etwa 1945 sich auflösen, aufgehen in leuchtenden, glühenden, flüsternden, schwingenden Farbennebeln und -flecken; Rothko ist nun "auf Spur", er weiß, wo er hin will, hin muss.
Oder - soll ich es mir leicht machen, und ihn selbst und andere sprechen lassen, in Zitaten, so etwa:

"Mit Rothko gewinnt man die Überzeugung, dass Pinselstrich und Farbe etwas mit Emotion zu tun haben ... Ich mag seine Beweglichkeit, dass er sich nicht an eine Situation geklammert hat. Er konnte ebenso gut diese wunderschönen kleinen Gemälde auf Papier machen wie auch diese großartigen, riesigen Arbeiten. Ich sehe ihn in der Tradition der großen Malerei, jener Künstler, die sich mit großen Ideen befasst haben und eine Menge zu sagen hatten ... "
Brice Marden (-> link), 1997

"Ein Bild lebt durch die Gesellschaft eines sensiblen Betrachters, in dessen Bewusstsein es sich entfaltet und wächst. Die Reaktion des Betrachters kann aber auch tödlich sein. Es ist deshalb ein riskantes ... Unterfangen, ein Bild in die Welt zu entlassen ... Und müsste ich mein Vertrauen in irgendetwas setzen, würde ich es in die Psyche des einfühlsamen Betrachters legen, der frei von konventionellen Denkmustern ist. Ich wüsste nichts vom Gebrauch, den er von Bildern für die Bedürfnisse seines eigenen Geistes machen würde. Wenn beides - Bedürfnis und Geist - vorhanden sind, dann besteht Gewähr für wahren Austausch."
Mark Rothko, 1947/1954

" ... die Rothko-ausstellung ist 'groß': eigene wesenheiten die bilder. sprechen in mir. sind bilder vom göttlichen auch. die letzten, die er gemalt hat: zögere nicht, das wort 'vollkommen' zu denken - auch das wort 'wahrhaftig'. diese bilder, glaub mir, sind sehr präsent, dabei den betrachter freilassend. diese bilder machen dir ein großes angebot, wenn du vor ihnen stehst - aber sie drängen dir nichts auf. sie wollen dir nichts verkaufen. sie halten keine botschaft bereit. dennoch teilen sie dir etwas mit: sie schwingen. viele der Rothko-bilder schwingen, vibrieren, oder tanzen. oder sie zittern auch, ja, bis in ihr innerstes zittern sie. und diese letzten, von 1969, sind weite horizonte, große öffnungen, riesige tore in ein meer: du könntest eintreten ins schwarze, ins schwarz, ins meer und darin ist alles enthalten, daraus kommt alles hervor --- sie sind fast vollkommen ausbalanciert, diese bilder, sie stellen auf einfachste weise ein subtiles gleichgewicht dar oder sogar her (im betrachter, in dir), und genau danach hat er, Rothko, wohl von anfang an gesucht. eigentlich scheint es mir fast logisch, dass er wenig später selbstmord beging, er war wohl da angekommen, wo er ankommen wollte - nein, das soll nicht zynisch klingen, gewiss nicht. es gibt bilder mit gelb-orange-rot-blau-grün-farben, die auf eine art leuchten, als wären sie lebendige blumenblüten. es gibt bilder in 'schweren' farben - schwarz, braun, grau, mattes, dumpfes beige oder rost - die dennoch schweben. Rothko malt zugleich absolut streng und absolut leicht: das ist die kunst ... "
zuppanova, März 2008 nach dem Besuch der Ausstellung an einen Freund

Doch. Doch, sie sprachen zu mir und überzeugten mich, diese Bilder - und meine Begleiterin ebenfalls ("meine Fresse, der Typ hat den Pinsel im Griff gehabt!").

 

     augustine



RE: Mark Rothko. München - Hypohalle

   25.03.2008, 14:09



zuppa! Der 'Versuch' mit allen inneren und äußeren Vorläufen und dann dem letzten Absatz ist ein Schmuckstück dieses Forums und wäre auch eines jeder anspruchsvollen Zeitung!
Mit Dank und großer Freude: augustine

 

     Klaus



RE: Mark Rothko. München - Hypohalle

   25.03.2008, 19:26



Liebe zuppa, wunderbar, zum "auf die Knie fallen"! Danke dir -
auch für diesen Hinweis, am Montag geht`s da hin...LG Klaus

 

     Schreibtisch



RE: Mark Rothko. München - Hypohalle

   26.03.2008, 11:50



schade dass München so weit...
und danke zuppa für diesen Blick,
schreibtisch

 

     Jolante



RE: Mark Rothko. München - Hypohalle

   26.03.2008, 12:30



Eine meiner wenigen kunstinteressierten Freundinnen schafft es nicht nach München, will sich aber unbedingt die anschließende Ausstellung in Hamburg ansehen. Ich hoffe sehr, und nach deinem wunderbaren Beitrag noch mehr, dass ich mich ihr anschließen kann. Ja, dieser reflektierte und sinnliche Text macht Lust auf Kunst und hätte es verdient, in den Katalog zur Ausstellung aufgenommen zu werden. Willst du ihn nicht der SZ anbieten?

Liebe Grüße
Jolante

 

     zuppanova²



Mark Rothko goes Hamburg

   30.04.2008, 11:29



der april geht zu ende,
die bilder wandern weiter,
nächste station wird hamburg sein.

augustine, Klaus, Schreibtisch, Jolante - euch vielen dank für euer lesen und antworten hier. Klaus, hat es geklappt mit einem ausstellungsbesuch? und die drei anderen: was nicht war, könnte ja vielleicht in hamburg noch werden - vamos a ver ...
danke auch den verschiedenen gästen, die hier gelesen haben (ich hab via mail die eine oder andere private rückmeldung bekommen): bis zum nächsten mal.

liebe grüße rundum,
zuppa.

 

Mark Rothko. München - Hypohalle




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