hier · augustine · Psyche

799 Aufrufe ·

Neue Beiträge   |  Forenliste   |  Registrierung   |   Lesungen  |   Archiv   |   a n m e l d e n

 

     augustine



hier

   12.12.2007, 21:25 / 1 x geändert



im hohen margeritenwald
geborgen
kindlich
behütet
von luftigen sonnenschirmen,
durchlässig für licht
und
in der erde verwurzelt:
dort wuchs mir ein grund zu
unter allem bewussten
bleibend
wunderbar und verdienstlos, unverfüglich und: hier.
wenn auch bisweilen
bestritten
besudelt
verleugnet
verkannt -
hielt er doch fest
"bis diese stunde"

 

     Vladimir



RE: hier

   13.12.2007, 17:11



Ein Idyll...
Zwei Sachen:
Wenn dieser "grund" unter allem Bewusstsein und unverfüglich war (oder ist?), wie und von wem wurde er dann bestritten, besudelt, verleugnet und verkannt? Denn um bestritten oder verleugnet werden zu können, muss er doch erstmal Sprache werden und damit bewusst. Oder waren das vielleicht nur Auswüchse von etwas, das doch in tieferen Lagen stabil und unberührt blieb?
Ich weiß nicht, wie ich den letzten Vers lesen soll. "bis diese Stunde..."? "bis zu dieser Stunde"? "bis: diese Stunde!"? Warum die Anführungszeichen? Mir gefällt es einerseits, weil es irgendwie subtiler und besser ist als ein einfaches "bis zu dieser Stunde", andererseits bliebe es, wenn es ungeklärt bliebe, reichlich vage.
Seltsamerweise finde ich Vers 12 am schönsten: grade das ganz einfache "wunderbar".
Ich habe den Eindruck, das lyr. Ich spricht in einer großen Freiheit, und so schon in einem gewissen Abstand oder aber einer großen inneren Sicherheit von dem, was ihm da als Geschenk, als sichernder Grund begleitet(e). Es gibt keine Angst mehr, durch das Aussprechen etwas daran zu stören oder gar zu zerstören.
Die Froschperspektive die im ersten Vers eingenommen wird, hält sich durch das ganze Gedicht; sie bedarf keiner Korrektur, sie "stimmt". Was zunächst merkwürdig erscheint und falsch gemessen, ist bereits so vertraut und eingewoben ins Leben, dass es keiner Erklärung mehr bedarf.
Soweit erste Eindrücke.

 

     rollerball



RE: hier

   14.12.2007, 15:24 / 1 x geändert



Liebe augustine,

wie I. Bachmann bist zu „zugrunde“ gegangen, und bist wie sie dennoch oder gerade deshalb „unverloren“, das spürt man nicht nur in Texten wie diesem. Warum du allerdings „bis diese stunde“ schreibst, würde mich ebenso sehr interessieren wie V.

LG, rollerball

 

     augustine²



RE: hier

   14.12.2007, 20:24 / 3 x geändert



Nur eben eine kleine Erklärung: "bis diese Stunde" ist ein Zitat, deshalb also Zitatzeichen; ein Hölderlin-Zitat; so endet der erste (unvollständige, aber eigentlich doch vollständige) Satz des langen späten Fragments

DAS NÄCHSTE BESTE

offen die Fenster des Himmels
Und freigelassen der Nachtgeist
Der himmelstürmende, der hat unser Land
Beschwätzet, mit Sprachen viel, unbändigen, und
Den Schutt gewälzet
Bis diese Stunde.

Ich hatte schon ohne Zitatzeichen geschrieben, dann dämmerte es. Der Textteil hier oben braucht selber Erläuterung, aber darum geht es nicht. "Bis diese Stunde" empfinde ich als viel stärker als einfach nur: 'bis jetzt' oder dergleichen; "bis diese Stunde" - in der Hoffnung, dass es JE diese auch wieder sein werde.Erstmal dies. - Bachmann: ja, wenn etwa gemeint ist:

Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren. (in: BÖHMEN LIEGT AM MEER). Das braucht aber auch den gesamten Textzusammenhang dort. -

Grüße von augustine

 

     augustine²



RE: hier

   17.12.2007, 23:00 / 2 x geändert



Ich kam, ich weiß nicht woher,
ich bin und weiß nicht wer,
ich leb, weiß nicht wie lang,
ich sterb und weiß nicht wann,
ich fahr, weiß nicht wohin,
mich wunderts, daß ich so fröhlich bin.

Das hier oben fiel mir inzwischen ein; es firmiert als Volksspruch; bis gerade vorher hatte ich es Matthias Claudius zugeschrieben.

Ich finde schon, dass ich Anlass habe zu solchem Wundern, und, ja, die 12. Zeile sollte das sagen. Das hast du gut gesehen, vladimir.
Der Anfang ist eine Idylle, auch ja, aber das ist die erwachsene Betrachtung. In meiner 'Erinnerung' ist ein Margeritenwald, in dem das Kind sich behütet fühlte, sanft umfangen von Schönem. Diese 'Erinnerung' blieb lange, obwohl ein Foto, also auch ein Bild, aussagt, dass schon die 3-Jährige größer ist als die Margeriten. Die liebe ich immer noch. Inzwischen kann ich deuten: jede Pflanze verbindet Aether und Erde, und aus diesem vor-bewussten Erleben, meine ich, wuchs mir ein Grund zu, eine Erdung, im Un-Bewussten. Die kann trotzdem (von anderen!) bestritten usw. werden, und sie muss zuvor nicht Sprache geworden sein. Sie hat jedenfalls und wirklich wunderbarerweise bis jetzt, "bis diese Stunde", gehalten, obwohl sie, verdammt noch mal, doch mancherlei auszuhalten hatte.
Liebe Grüße augustine

 

     Jolante



RE: hier

   18.12.2007, 13:55 / 1 x geändert



Schade, augustine, dass du dein Gedicht schon selbst kommentiert hast, ich wollte doch gerne auch was dazu schreiben, kam aber nicht früher dazu.

"Wer tief wurzelt, kann nicht brechen". Dieses Sprichwort kam mir gleich in den Sinn, als ich die Zeilen las - für mich die Kernaussage dieses klang- und formschönen Gedichts. Ich kann gar nicht anders, als mich mit seinem Inhalt zu identifizieren. Der "hohe Margeritenwald" ist für mich ein bezauberndes Bild, das eng mit der Sinnenwelt meiner frühesten Kindheit verknüpft ist. Auch ich empfand die ersten Berührungen mit der Natur im Sommer auf dem blumenreichen Wiesenhügel hinter dem Garten meiner Großmutter als tiefes Erlebnis der Freude und Geborgenheit. "....geborgen, kindlich, behütet von luftigen Sonnenschirmen, durchlässig für Licht und in der Erde verwurzelt", das ist für mich eine Metapher, die mich zum Schwärmen bringt. Vielleicht muss man ja schon älter sein, um zu wissen, wieviel Potential dieser "Grund" in sich birgt und dass man, gleich welche Anfechtungen von außen kommen, lebenslang von ihm zehren kann.

Ich danke dir für dieses schöne Gedicht, augustine.
Jolante

 

     augustine²



RE: hier

   18.12.2007, 16:03 / 2 x geändert



Liebe Jolante,
bitte nicht gekränkt sein, dass ich einmal schon geantwortet habe, und Dank für deinen Kommentar! Der Selbstkommentar muss aber doch gar nicht das letzte Wort zu einem Text sein!
Du hast schon manche anderen, auch sehr bittere Texte von mir gelesen. Da fragte ich mich schon hinterher jeweils, wie es denn mir wohl möglich war, mich jeweils nach solchen Ereignissen (und es sind also welche; machen wir uns über den Unterschied von lyrischem und Autor-Ich nicht zuviel vor!) recht schnell (gemessen am Ereignis eher schnell) wieder einzufangen. Auch das fragte ich mich, auch mit einem bestimmten Anlass. Und hab' dann versucht, in die Erinnerung wieder einzutauchen und sie zugleich zu reflektieren. Erstaunlicherweise gelang das, und dass die Anfänge dieses Textes dabei herauskamen, tut mir selber gut!
Liebe Grüße von Ursa/augustine

 

hier




  SYNEKDOCHE.DE
~ Startseite
kafkaesk
~ Neue Beiträge
~ Beiträge suchen
Literatur
~ Prosa
~ Gedichte
~ Diskussionen
~ Literaturwissenschaft
Literatur
~ Impressum

  Online

  Lesungen

  Aktuelle Themen

Climax

Glück ^^ Meine schönsten Aporismen !!!!!!!

synekdoche.de

Zwei Gedichte

"muget ir ..."

Frühstück

i-Bildungen

Literarische Gesellschaft

zukunftsangst

Sprichwörter Golgostans

Mock (10)

An den @minz

°-+#? §<^~

2zeilenTiere + Konsorten

Fahr Bus und Bahn, komm später an

in die nacht

An einem Dienstag im Mai

Wo Worte angekommen sind

Gedicht aus dem 19. Jahrhundert

Der Musik Laden Faden II