augustine
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19.04.2006, 23:47 / 2 x geändert
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Feuilleton
19.04.2006
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Nachrichten von der Poesie
acht jahreszeiten
ich sammle ozeane um sie
dir nach hause zu bringen
und muscheln zum zeigen
fasse dir vögel ein bunt wie
regenbogenforellen
und fliegende Goldfische
unsere vögel sind dagegen nachtfalter
auch habe ich versucht etwas von dem
sonnendings einzufangen
dem untergang liebste sie haben eben
eine flutwarnung herausgegeben zuhause
dir werden die augen übergehen
ich habe versucht mich mit
den möwen tragen zu lassen
die luft trägt sie so wie ich dich
in mir hängen wir sobald ich da bin
die ozeane zum trocknen an die wand
und übertragen die vögel unserer luft
RAPHAEL URWEIDER
In den letzten Jahren hat kaum eine lyrische Stimme mehr überrascht als die des 1974 in Bern geborenen Raphael Urweider. Sein erster Gedichtband "Lichter in Menlo Park" (2000), dem der Leonce-und-Lena-Preis vorausging und der 3sat-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs folgte, beeindruckte durch genaue Wortwahl, Rhythmus und evidente Bilder. Im zweiten Gedichtband "Das Gegenteil von Fleisch" (2003) trat zu Sprachkunst und Witz ein neuer Ernst, in stilleren, wahrnehmungswachen Beobachtungen. Das noch unveröffentlichte Gedicht "acht jahreszeiten" ist vielleicht ein Liebesgedicht - das lyrische Ich trägt die Geliebte wie Luft die Möwen. JOACHIM SARTORIUS
(SZ vom 19.4.2006)
Vielleicht stößt so etwas ja auf ratendes Interesse? Autor jung, schon erfolgreich, Gedicht durchaus nicht ganz kurz? Grüße von a.

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ear
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augustine:welche fuelle von images, ein grosses talent!
jahreszeiten wie unbegrenztes glueck eines jungen paares;
traeume von maerchenhafter schoenheit;ozeane als blick in die weite,muscheln ehemals behausung der meeresbewohner; goldfische werden fast voegel, irisierende voegel gleichen forellen;
dann der vergleich mit wirklichkeit:farblosere voegel der nacht, sonnenuntergang und flutwarnung: bedrohung durch die aussenwelt;aber:liebe gibt schwerelosigkeit,ein wandschmuck getrocknet bleibt als erinnerung.

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augustine²
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Erstmal muss ich mich entschuldigen dafür, dass ich den Text unkorrekt eingetragen habe. Es sind drei Strophen zu je sechs Versen. "Nachrichten aus der Poesie" ist ein Reihentitel.
Dann muss ich leider ear widersprechen. Ich denke, es ist ganz und gar nicht das unbegrenzte Glück eines jungen Paares. Es ist ein Bruch da, und zwar in der genauen Mitte des Gedichts:
Wer schreibt:
[auch habe ich versucht etwas von dem]
sonnenDINGS einzufangen
dem UNTERGANG ,
wer also nicht schreiben will 'Sonnenuntergang', der will eine doppelte Bedeutung des Worts hervorheben;
das wird bestätigt durch "sie haben eben/eine flutwarnung herausgegeben"
Das Paar ist getrennt. Zu Hause ist nur sie, die "liebste". Er sammelt Ozeane um sie/sammelt ozeane, um sie ihr nach Hause zu bringen; Eindrücke aus einer Wunder-, ja, einer Märchenwelt, wo Vögel und Fische das Element getauscht haben.
Vielleicht hat das mit dem Tsunami vor nun schon mehr als einem Jahr zu tun. Vielleicht sind die Strophenfugen die Sprechpausen in einem Handy-Gespräch, von dem nur seine Rede zu lesen ist, sie aber inzwischen gefragt hat.
Könnte die dritte Strophe der versuchte Trost eines Sterbenden sein? Der Versuch, dabei den Märchenton beizubehalten? Denn nun will er Ozeane nicht sammeln, sondern eintrocknen.
Ihr aber werden "die augen übergehen".
Warum "acht Jahreszeiten"? Die tropischen und die mitteleuropäischen?
Das war's, was mir gestern um Mitternacht einfiel: augustine

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Gretchen Darloni
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Hab das auch gelesen, und ich würde es ganz privat lassen, ohne Tsunami und so. Ich denke auch, daß er getrennt ist von dieser "Liebsten", ja, mehr noch, daß er sie noch gar nicht gefunden hat, es gibt sie nicht und er sucht sie irgendwie. Wenn er sie fände, würde er sie überschwemmen, überfluten mit seinen inneren Bedürfnis-Ozeanen, Emotionen, Sehnsucht, seinem Sonnenuntergangs-Dings da in der Mitte und ihr alles zeigen, was er so mit sich rumträgt - da würden ihr aber die Augen übergehen. Dann würden sie einen Alltag zusammen haben, alles etwas unspektakulärer, getrockneter, trockener, aber er wäre eben "zuhause". Geborgenheit. Also, er beschreibt vielleicht den Wunsch nach Beziehung. Das Jahr hätte dann acht Jahreszeiten, viermal erlebt er die Jahreszeiten, viermal sie, zusammen acht. Naja. Mir ist es ja fast zu schöngebügelt, von den Bildern her und so.
Viele Grüße, Gretchen.

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augustine²
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Ja, wäre gut möglich, Gretchen, Deine Deutung - wenn in dem Gedicht nicht auch noch das Wort "flutwarnung" stünde. Ich finde, das weist ganz deutlich auf eine Deutung außerhalb von "ganz privat", und mit 'Überfluten mit inneren Bedürfnis-Ozeanen' hast Du das Dir passend gemacht, nicht dem Gedicht. LG augustine

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