wieviel jahreszeiten? - Raphael Urweider · augustine · Gedichtinterpretationen

1118 Aufrufe ·

Neue Beiträge   |  Forenliste   |  Registrierung   |   Lesungen  |   Archiv   |   a n m e l d e n

 

     augustine



wieviel jahreszeiten? - Raphael Urweider

   19.04.2006, 23:47 / 2 x geändert



Feuilleton
19.04.2006

vorheriger Artikel Seite 16 - Feuilleton nächster Artikel





Nachrichten von der Poesie



acht jahreszeiten


ich sammle ozeane um sie


dir nach hause zu bringen


und muscheln zum zeigen


fasse dir vögel ein bunt wie


regenbogenforellen


und fliegende Goldfische



unsere vögel sind dagegen nachtfalter


auch habe ich versucht etwas von dem


sonnendings einzufangen


dem untergang liebste sie haben eben


eine flutwarnung herausgegeben zuhause


dir werden die augen übergehen



ich habe versucht mich mit


den möwen tragen zu lassen


die luft trägt sie so wie ich dich


in mir hängen wir sobald ich da bin


die ozeane zum trocknen an die wand


und übertragen die vögel unserer luft


RAPHAEL URWEIDER


In den letzten Jahren hat kaum eine lyrische Stimme mehr überrascht als die des 1974 in Bern geborenen Raphael Urweider. Sein erster Gedichtband "Lichter in Menlo Park" (2000), dem der Leonce-und-Lena-Preis vorausging und der 3sat-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs folgte, beeindruckte durch genaue Wortwahl, Rhythmus und evidente Bilder. Im zweiten Gedichtband "Das Gegenteil von Fleisch" (2003) trat zu Sprachkunst und Witz ein neuer Ernst, in stilleren, wahrnehmungswachen Beobachtungen. Das noch unveröffentlichte Gedicht "acht jahreszeiten" ist vielleicht ein Liebesgedicht - das lyrische Ich trägt die Geliebte wie Luft die Möwen. JOACHIM SARTORIUS


(SZ vom 19.4.2006)

Vielleicht stößt so etwas ja auf ratendes Interesse? Autor jung, schon erfolgreich, Gedicht durchaus nicht ganz kurz? Grüße von a.

 

     ear



RE: wieviel jahreszeiten?

   20.04.2006, 15:34



augustine:welche fuelle von images, ein grosses talent!
jahreszeiten wie unbegrenztes glueck eines jungen paares;
traeume von maerchenhafter schoenheit;ozeane als blick in die weite,muscheln ehemals behausung der meeresbewohner; goldfische werden fast voegel, irisierende voegel gleichen forellen;
dann der vergleich mit wirklichkeit:farblosere voegel der nacht, sonnenuntergang und flutwarnung: bedrohung durch die aussenwelt;aber:liebe gibt schwerelosigkeit,ein wandschmuck getrocknet bleibt als erinnerung.

 

     augustine²



RE: wieviel jahreszeiten?

   20.04.2006, 23:24



Erstmal muss ich mich entschuldigen dafür, dass ich den Text unkorrekt eingetragen habe. Es sind drei Strophen zu je sechs Versen. "Nachrichten aus der Poesie" ist ein Reihentitel.

Dann muss ich leider ear widersprechen. Ich denke, es ist ganz und gar nicht das unbegrenzte Glück eines jungen Paares. Es ist ein Bruch da, und zwar in der genauen Mitte des Gedichts:
Wer schreibt:

[auch habe ich versucht etwas von dem]
sonnenDINGS einzufangen
dem UNTERGANG ,

wer also nicht schreiben will 'Sonnenuntergang', der will eine doppelte Bedeutung des Worts hervorheben;
das wird bestätigt durch "sie haben eben/eine flutwarnung herausgegeben"

Das Paar ist getrennt. Zu Hause ist nur sie, die "liebste". Er sammelt Ozeane um sie/sammelt ozeane, um sie ihr nach Hause zu bringen; Eindrücke aus einer Wunder-, ja, einer Märchenwelt, wo Vögel und Fische das Element getauscht haben.
Vielleicht hat das mit dem Tsunami vor nun schon mehr als einem Jahr zu tun. Vielleicht sind die Strophenfugen die Sprechpausen in einem Handy-Gespräch, von dem nur seine Rede zu lesen ist, sie aber inzwischen gefragt hat.
Könnte die dritte Strophe der versuchte Trost eines Sterbenden sein? Der Versuch, dabei den Märchenton beizubehalten? Denn nun will er Ozeane nicht sammeln, sondern eintrocknen.
Ihr aber werden "die augen übergehen".
Warum "acht Jahreszeiten"? Die tropischen und die mitteleuropäischen?

Das war's, was mir gestern um Mitternacht einfiel: augustine

 

     Gretchen Darloni



RE: wieviel jahreszeiten?

   25.04.2006, 23:14



Hab das auch gelesen, und ich würde es ganz privat lassen, ohne Tsunami und so. Ich denke auch, daß er getrennt ist von dieser "Liebsten", ja, mehr noch, daß er sie noch gar nicht gefunden hat, es gibt sie nicht und er sucht sie irgendwie. Wenn er sie fände, würde er sie überschwemmen, überfluten mit seinen inneren Bedürfnis-Ozeanen, Emotionen, Sehnsucht, seinem Sonnenuntergangs-Dings da in der Mitte und ihr alles zeigen, was er so mit sich rumträgt - da würden ihr aber die Augen übergehen. Dann würden sie einen Alltag zusammen haben, alles etwas unspektakulärer, getrockneter, trockener, aber er wäre eben "zuhause". Geborgenheit. Also, er beschreibt vielleicht den Wunsch nach Beziehung. Das Jahr hätte dann acht Jahreszeiten, viermal erlebt er die Jahreszeiten, viermal sie, zusammen acht. Naja. Mir ist es ja fast zu schöngebügelt, von den Bildern her und so.
Viele Grüße, Gretchen.

 

     augustine²



RE: wieviel jahreszeiten?

   27.04.2006, 16:21



Ja, wäre gut möglich, Gretchen, Deine Deutung - wenn in dem Gedicht nicht auch noch das Wort "flutwarnung" stünde. Ich finde, das weist ganz deutlich auf eine Deutung außerhalb von "ganz privat", und mit 'Überfluten mit inneren Bedürfnis-Ozeanen' hast Du das Dir passend gemacht, nicht dem Gedicht. LG augustine

 

wieviel jahreszeiten? - Raphael Urweider




  SYNEKDOCHE.DE
~ Startseite
kafkaesk
~ Neue Beiträge
~ Beiträge suchen
Literatur
~ Prosa
~ Gedichte
~ Diskussionen
~ Literaturwissenschaft
Literatur
~ Impressum

  Online

  Lesungen

  Aktuelle Themen

Climax

Glück ^^ Meine schönsten Aporismen !!!!!!!

synekdoche.de

Zwei Gedichte

"muget ir ..."

Frühstück

i-Bildungen

Literarische Gesellschaft

zukunftsangst

Sprichwörter Golgostans

Mock (10)

An den @minz

°-+#? §<^~

2zeilenTiere + Konsorten

Fahr Bus und Bahn, komm später an

in die nacht

An einem Dienstag im Mai

Wo Worte angekommen sind

Gedicht aus dem 19. Jahrhundert

Der Musik Laden Faden II