augustine
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10.11.2007, 21:23 / 4 x geändert
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FERIENFAHRT 1 (con brio e quattro persone)
Er am Steuer. Zigarre lässt er sich nicht ausreden. Daneben eine gemeinsame Freundin. Kann etwas italienisch. Sie tut mir gut, ihm auch; uns also. Hinten das Kind, rötelnkrank trotz Rötelnimpfung. Matt, sehr geduldig. Liegt meistens, während wir den Rundkurs in Sizilien fahren. Daneben die Mutter, ich.
Die Konstellation ist praktisch. Er kann nur fahren, aber das kann er gut. Sie vorne rechts kann keine Karten lesen, obwohl sie welche herstellt. Aber bei unserem Rundkurs ist immer rechts das Meer. Da passiert nicht viel. Mit der Freundin im Auto darf die Mutter auch sehr plötzlich halt rufen bei einem Fotomotiv.
Sie, diese Freundin, hatte darauf bestanden, in ein Krankenhaus zu fahren und die Eigendiagnose abzusichern. "Si, si, signore, piccolini, piccolini." Der Vater ertrug es schlecht, wenn sein Himmelstöchterchen krank war. Darum war es sonst nie krank.
Abends im Restaurant aß das piccolini-Kind Spaghetti bolognese ohne Käse.
Nachts im Hotel waren die Zimmer wechselnd verteilt. Eine Triole wollte ich nicht, nicht mit diesen. Ein Duo wurde dann nebenan gespielt. Nun ja, in Ordnung.
AugenblickeBlickwinkel 11
FERIENFAHRT 2 (vivace, poco a poco moderato, finale fortissimo)
Die Freundin holte uns am Münchner Hauptbahnhof ab, das Kind und mich, und fuhr uns mit ihrem grünen Käfer, genannt Der Frosch, in das Sommerhaus ihrer Familie in der Nähe des Chiemsees. Sie sah anders aus als sonst, steckte in einer ledernen Kniebundhose, in den Gürtelschlaufen üppig mit Charivari dekoriert, mit einem langen Tropfen in der Mitte. In der Trachtenbluse waren die fülligen Brüste aufgesteilt und im weiträumigen Ausschnitt beinahe völlig sichtbar.
Als wir ankamen, wartete unten an der Straße schon jemand in einem hellblauen offenen Mercedes. Sie setzte uns ab, erklärte eilig, wie die Heizung im Keller anzulassen war, falls es jahreszeitgemäß kühler werden sollte, gab mir die Autopapiere und bussibussi und sagte: "Das ist ein Freund vom Flori, er bringt mich zum Oktoberfest" und lief über die Wiese zur Straße. Der junge Mann aus dem Auto kam ihr schon entgegen, küsste nach bussibussi das Holz vor der Hüttn, hielt ihr die Tür auf und startete mit aufbrüllendem Motor.
Das Kind packte aus, und was es auspackte, das waren seine Barbies, alle. Neun immerhin, dazu die Klamotten. Es müsste doch in Bayern auch Dirndl für Barbies geben, nicht? Und sie selbst hätte gern auch eins.
Am folgenden Tag hatten Puppe und Kind Garderobenzuwachs. In diesem sommerwarmen Oktober brauchte es schließlich etwas Sommerliches, nicht wahr?
Dann fuhren und liefen wir durch die Landschaft, und es ging mal nach mir, mal nach ihr, oder sie spielte mit ihren Barbies oder mit Nachbars süßen schmusigen Kätzchen, und ich konnte lesen und zwischendurch die Kampenwand anbeten, auf die wir gefahren waren. Es blieb warm mit blau-weißem Himmel, aber nach einigen Tagen vergingen die Wolken nicht mehr mittags vor der Sonne.
Eine Woche nach unserer Ankunft sollte der Vater kommen, nach einer anstrengenden Messe noch ein paar Tage Ferien. Abends ein letztes Mal Spaghetti bolognese ohne und mit Käse.
Am folgenden Tag fuhren wir einkaufen, nun für drei und für vier. Vor allem ein T-bone-Steak. Die Wolken türmten sich jetzt schon, verdunkelten die Sonne. Als ich den Einkaufswagen in seine Reihe zurückschob, prasselte es aus ihnen nieder. Und in mir war das umfassende Empfinden, plötzlich und unerwartet: jetzt kommt der Clanchef, du wirst dich um seine Stimmung kümmern, wirst tun müssen, was er möchte, er wird Zigarren rauchen, wird allenfalls auf die Herreninsel wollen, auf die Fraueninsel nicht. Das gelb-grün-rot der Herbstfarben wird an Leuchtkraft verlieren, der See an Reinheit, die Linie der Berge an Glanz, die Luft an Klarheit.
Ein T-bone-Steak im Kühlschrank. Das Kind lief immerzu ans Fenster, wenn es ein Autogeräusch hörte. Aber es war jedes Mal ein Nachbar. Dann ein Anruf. Er. Habe einen Unfall gehabt. Liege im Krankenhaus. Was? Wo? Was sei geschehen? Habe einen Laster überholt, dann habe es ihn über die Leitplanke getragen. Und sonst? Zweimal überschlagen, aber auf den Rädern gelandet auf einer nassen Wiese. Totalschaden beim Auto. Aquaplaning? Ja, obwohl: so schnell sei er doch nicht gefahren. Und was sei ihm passiert? Trümmerbruch am linken Knie. Genagelt. Streckverband. Und wo nun? Aschaffenburg. Sei doch egal. Da bleibe er nicht. Aber wir sollten vorbeikommen, gleich am nächsten Tag, auf der Heimfahrt. Er habe schon telefoniert. Der Herr v. St. kenne den Chefarzt im … und der werde … Und wann sei es passiert? So gegen Mittag. Warum? Nun, ich wollte es eben gerne wissen.
Eigentlich wusste ich es zuvor: Es war die Zeit, als ich den Einkaufswagen zurückgeschoben hatte.
Das Kind und ich fuhren mit dem Frosch zur Bahn nach Prien, das gebratene T-bone-Steak dabei, und gaben das Auto dort der Freundin zurück.
AugenblickeBlickwinkel 12

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lost
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was Ff 1 betrifft: es sei mir erlassen, mich selbst zitieren zu sollen. wende mich deshalb sogleich der
Ff 2 zu, welche - weniger knapp als Ff 1, aber durchaus nicht langatmig zu lesen - wiederum eine eher nicht vollkommen harmonische Familiensituation beleuchtet. auch hier ist es die Mutter, die, (fast beängstigend) cool, ohne große Emotionen zu bemühen, vom Verlauf einer Ferienreise berichtet, und doch, auf einer parallelen, tiefgründigeren Ebene des Textes, mir, dem Leser, ein gewisses Grauen, ein Erschrecken, ein Bestürztsein über die Entfremdung zwischen den Ehepartnern, auch über die Einsamkeit der Frau, nicht erspart.
die gekonnte Doppelbödigkeit des Textes macht ihn für mich spannend zu lesen. der Augenblick, um den es geht: der Moment des Autounfalls bzw. der Moment, in dem der Einkaufswagen in die Reihe zurückgeschoben wird - ist eine gut vorbereitete Kulmination, eine Entladung, ein Moment der Un-heimlichkeit. es ist Drama, Dramatik, in dieser Schilderung einer Ferienfahrt, ohne dass gewinselt würde. gut aufgeschrieben.
best regards, lost.
9. Unser sämtliches Wahrnehmungsvermögen gleicht dem Auge. Die Objekte müssen durch entgegengesetzte Media durch, um richtig auf der Pupille zu erscheinen.

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augustine²
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66. Alle Zufälle unsers Lebens sind Materialien, aus denen wir machen können, was wir wollen. Wer viel Geist hat, macht viel aus seinem Leben. Jede Bekanntschaft, jeder Vorfall, wäre für den durchaus Geistigen erstes Glied einer unendlichen Reihe, Anfang eines unendlichen Romans.
mit gruß augustine

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Jolante
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Besser als lost kann ich nicht ausdrücken, was den augustinischen Text für mich so besonders macht. Daher nur noch ein paar Gedanken dazu; Die Geschichte ist geschickt aufgebaut und glänzend geschrieben. Mir gefällt der unaufgeregte Erzähton, die scheinbar ironische Distanz der Erzählerin zu ihrer schwierigen Partnerbeziehung und ihren negativen Gefühlen, deren Intensität mir als Leserin unter die Haut geht. Aber auch das Verhältnis zu Freundin und Kind scheint nicht ganz ungetrübt zu sein, denn deren Welt des schönen Scheins (gestyltes Outfit, aufgesteilte Brüste / Barbiepuppen) ist nicht unbedingt die der Ich-Erzählerin. Auch zwischen den Zeilen dieser Ferienfahrt 2 ist einiges Nachdenkenswerte verborgen, weshalb ich die Geschichte nicht nur einmal gelesen habe.
Liebe Grüße
Jolante

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zuppanova
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text 1
da lost offenbar hemmungen hat, sich zu zitieren (das andere ist ja 'nur' Blütenstaub),
zitier ich ihn halt: "... ein sehr gelungener ... Text."
text 2
finde ich durchdacht, im entwurf sehr strukturiert, gut geschrieben und belebt durch die anreicherung mit vielsagenden, bildhaften details (beschreibung/charakterisierung der personen, z.b. die landhausmodisch gesteiylte bussibussifreundin, der tiii-boanig carnivór geoutete clanchef, die verschiedenen autos), welche aber so bedachtsam platziert und eingesetzt werden, dass kein überbordender ausstattungswirrwarr entsteht: gut zu lesen.
ein (wie mir scheint) wichtiges element, das mir sofort aufgefallen ist: die (sich verändernde) wetterlage, auf die immer wieder bezug genommen wird => das wetter, könnte man vllt. sagen, bildet die empfindungen der erzählerin/mutter ab und zeigt auf den atmosphärischen bereich hinter der schilderung der ereignisse, bzw. "verlinkt" die beiden schauplätze der geschichte (den ort, wo die frau sich befindet mit dem ort, wo der mann sich befindet).
herzugelegte gedankensplitter und lg, zuppa.

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augustine²
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30.11.2007, 22:20 / 2 x geändert
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Liebe(r) lost, Jolante und zuppa,
dank euch für eure so positiven Rückmeldungen. Ich hab' nicht verborgen, dass es sich in beiden Texten um dieselben Personen handelte. Während der erste Text erstaunlicherweise in einer Viertelstunde da war (oder so), habe ich den anderen ein wenig mit mir herumgetragen, bis sich die Kleidungs-, Wetter- und Essenseinfälle einstellten; und 'Herreninsel' und 'Fraueninsel' sollten auch noch was sagen; liegt ja nahe.
Die Koinzidenz hat es wirklich gegeben. Die Berufung darauf macht den Text freilich nicht besser oder schlechter.
Grüße in ein hoffentlich entspanntes Wochenende, ob ihr's nun als Advent wahrnehmen möchtet oder nicht.
augustine

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